Buchtipp: Die verschwundenen Kinder (Emily Gunnis)

Vor einiger Zeit habe ich euch Das Geheimnis des Mädchens vorgestellt. Jetzt ist wieder ein Buch von Emily Gunnis auf meinem SuB gelandet und das gefällt mir deutlich besser.

Darum geht’s

Erzählt werden Episoden aus einem Zeitraum von mehr als 70 Jahren. Das Bindeglied dazwischen ist Polizistin Jo Hamilton. 2015 kann sie (für eine Frau) auf eine ordentliche Karriere zurückblicken und soll in wenigen Tagen in den Ruhestand gehen.  Als auf einer Baustelle ein Skelett gefunden wird, ist es mit der Ruhe vorbei, denn schnell ist klar, dass es sich um einen Fall handelt, mit dem Jo vor 30 Jahren zu tun hatte. Damals verschwand die 17jährige Holly Moore aus einem düsteren Waisenhaus. Da sie bereits mehrfach ausgebüxt war, suchte niemand ernsthaft nach ihr, Jo war die einzige, die in der Freizeit Plakate aufhängte und sich Sorgen machte. Holly und ihre jüngere Schwester Daisy lagen ihr schon seit Mitte der 1970er Jahre am Herzen, denn ihre Eltern kamen bei einem missglückten Polizeieinsatz ums Leben, für den Jo die Verantwortung trug. Somit ist sie der Grund dafür, dass die kleinen Mädchen überhaupt in das schreckliche Waisenhaus gekommen sind. Ihr Vorgesetzter will Jo aus den Ermittlungen heraushalten und weil sie das Gefühl hat, dass die Polizei zu wenig tut, beginnt sie heimlich und alleine nachzuforschen. Den Zeitdruck und die Gefahr erwischt zu werden, hat sie dabei immer im Nacken.

1944-2015

Die Geschichte wird auf mehreren Ebenen erzählt. Ein Erzählstrang spielt 1944 während des zweiten Weltkriegs. Eine junge Frau ist das Leben auf dem Bauernhof der Familie leid und bewirbt sich als Fernmeldefahrerin bei der Armee. Auf dem Motorrad fährt sie durch England, um abgefangene Funksprüche von A nach B zu bringen, damit diese übersetzt werden können. Weil es keine Beschilderung und Beleuchtung mehr gibt und ständig die Möglichkeit eines Angriffs besteht, begibt sie sich damit in große Gefahr.

Wir erfahren außerdem in kurzen Rückblenden, was 1975 der Auslöser für den Tod der Eltern von Holly und Daisy war.

Ausführlicher werden die 1980er Jahre abgearbeitet, also die Zeit in der Holly verschwand. Einige Jahre zuvor hat sich ein anderes Mädchen aus dem Kinderheim von einer Klippe gestürzt. Auch in diesem Fall ist Jo die einzige, die an der gängigen Theorie zweifelt und einen Selbstmord nicht als einzige Möglichkeit ansieht.

Der größte Teil der Geschichte spielt 2015 als Jo kurz vor dem Eintritt in den Ruhestand steht. Hier teilt sie sich die Rolle der Hauptfigur mit Daisy Moore. Aus dem ehemaligen Heimkind ist inzwischen eine 46jährige Frau geworden, die in einem Pflegeheim arbeitet und sich liebevoll um die Patienten kümmert. Vor allem eine Bewohnerin, die nicht mehr lange zu leben hat, steht ihr sehr nah. Ihr eigenes Leben tritt auf der Stelle, weil sie seit 30 Jahren nicht weiß, was mit ihrer Schwester passiert ist. Unterbewusst rechnet sie mit ihrem Tod, dennoch hat sie Sussex nie verlassen, weil es sein könnte, dass Holly plötzlich vor der Tür steht. Als die menschlichen Überreste auf der Baustelle gefunden werden, möchte sie die Gewissheit, dass ihre Schwester tot ist, nicht haben und kooperiert nicht mit der Polizei. Stattdessen macht sie sich selbst auf die Suche nach alten Bekannten und Hinweisen.

Meine Meinung

Mir gefällt es gut, dass diese Geschichte nicht linear, sondern mit vielen Zeitsprüngen erzählt wird. So kann man sich selbst – Stück für Stück – zusammenbauen, was wirklich passiert ist.

Die Schilderung des Waisenhauses fand ich schrecklich, kann mir aber durchaus vorstellen, dass es Mitte der 70er Jahre so gewesen ist. Es ist sehr beruhigend, dass es heute nicht mehr in Betrieb ist, auch wenn es sich um Fiktion handelt.

Den Mörder von Holly hatte ich schon relativ früh im Verdacht, allerdings mit dem Gedanken „ich will nicht, dass er es war“. Das hat der Spannung aber nicht geschadet.

Auch der emanzipatorische Charakter der Geschichte hat mir gefallen. Wir haben es hier mit starken Frauen zu tun, die aber zum Teil von ihrer Umgebung ausgebremst und in das übliche Rollenbild gepresst werden. Mit kleinen Fluchten oder unendlich viel Energie versuchen sie sich ihre Freiheiten zu erkämpfen. Dass dabei manchmal andere Menschen auf der Strecke bleiben oder leiden müssen, zeigt das Beispiel von Jo und ihrer Tochter Megan.

In Kürze

Titel: Die verschwundenen Kinder

Autor: Emily Gunnis

Verlag: Heyne

Erschienen: 2024

Preis: 22 Euro

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