
Ich habe immer Respekt vor Autorinnen und Autoren, die einen Preis nach dem nächsten abräumen. Dazu gehört auch immer eine gewisse Distanz meinerseits, denn ich habe immer das Gefühl, dass man deren Bücher gut finden muss und dass ich vielleicht einfach nur keine Ahnung habe, wenn sie mir nicht gefallen. Falls es Euch auch so geht, lasst gerne einen Kommentar da, dann fühle ich mich mit meinem Gefühl der Unzulänglichkeit nicht so alleine.
Katja Lange-Müller ist eine der oben beschriebenen Autorinnen. Ich muss trotzdem gestehen, dass „Unser Ole“ ihr erstes Buch ist, dass es auf meinen SuB geschafft hat. Ausgesucht habe ich es aber nicht wegen der Autorin, sondern weil mich der Klappentext amüsiert und interessiert hat. Die Auflistung ihrer bisherigen Auszeichnungen hat fast den Platz auf der Einbandinnenseite gesprengt. Dennoch oder gerade deshalb, muss ich sagen, dass mich dieses Buch etwas ratlos zurückgelassen hat.
Darum geht’s
Es ist die Geschichte von drei sehr unterschiedlichen Frauen, die nicht ganz freiwillig ihr Leben miteinander verbringen müssen. Es geht um das Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern, um Übergriffigkeit, Hilflosigkeit, Geldsorgen, Behinderungen…. Also eine Menge Stoff für einen kleinen Band. Es ist eine sehr verdichtete Erzählung.
Ida, Elvira und Manuela
Ida ist Mitte 70 und pleite. Sie hat sich ihr Leben lang von Sugardaddys aushalten lassen, jetzt im Alter findet sich kein zahlungskräftiger Mann mehr. Deshalb jobbt sie als Seniorenmodell und lernt bei einer Kaufhausmodenschau Elvira kennen. Auch sie hat die 70 überschritten und lebt mit ihrem Enkel Ole in einem Haus östlich von Berlin. Sie hat als Bauzeichnerin gearbeitet, ist sehr strukturiert und kontrolliert, also das komplette Gegenteil von Ida. Beide Frauen gehen eine Zweckgemeinschaft ein. Elvira lässt Ida kostenlos bei sich wohnen, dafür leistet sie der einsamen Frau Gesellschaft und packt, wenn es unbedingt sein muss, ein bisschen in Haus und Garten mit an. Um Ole kümmert sich Elvira alleine. Der 18jährige wird als „ein Bär mit einem Spatzenhirn“ beschrieben. Er kommuniziert nicht, liegt fast den ganzen Tag im Bett oder spielt mit Kleinkindspielzeug. Ohne dass es eine genaue Diagnose gibt, geht man davon aus, dass er möglicherweise durch Sauerstoffmangel während der Geburt eine Schädigung seines Gehirns davongetragen hat. In letzter Zeit gibt es häufig Streit zwischen ihm und seiner Großmutter Elvira. Als diese überraschend stirbt, vermutet Ida, dass Ole für den Sturz auf der Treppe verantwortlich ist.
Nach dem Tod ihrer Mutter tritt Manuela auf den Plan, Elviras Tochter. Sie hat Mutter und Sohn seit vielen Jahren nicht gesehen und lebt in Berlin von Hartz IV, weil sie sich ganz bewusst davor drückt, einen Job anzunehmen. Von Ida hatte sie zuvor nichts gehört und hält sie für eine Art Gesellschafterin, Hausmädchen und Betreuerin. Ida bemüht sich, diesen Eindruck aufrecht zu halten, denn sie fürchtet sich davor, aus dem Haus geworfen zu werden. Beide Frauen reiben sich aneinander, finden sich nicht sympathisch und misstrauen sich. Aber auch sie gehen schließlich eine Zweckgemeinschaft ein als Ole verschwindet.
Mutter-Tochter-Konflikt
Viel Raum nimmt in dieser Erzählung der Konflikt zwischen Elvira und Manuela ein. Elvira hatte sich einen Sohn gewünscht, mit dem sie all die typisch männlichen Dinge machen wollte, die sie selbst interessieren. Stattdessen bringt sie ein Mädchen auf die Welt, das sämtliche rosafarbenen Klischees erfüllt. Manuela ist ein Papakind, für das eine Welt zusammenbricht, als dieser bei einem Autounfall ums Leben kommt. Das Verhältnis der beiden Frauen ist also von Anfang an problematisch. Trotzdem wohnt Manuela bis zu ihrem 27. Lebensjahr zu Hause. Dann wird sie schwanger, ohne zu wissen von wem, und hat die Hoffnung, dass ihre Mutter sie rausschmeißen wird, wenn sie ein Mädchen bekommt. Eine Wochenbettdepression bringt Manuela in die Psychiatrie, Elvira nimmt Baby Ole mit und kümmert sich. 18 Jahre später hat sich bei Manuela die Einstellung verfestigt, dass Elvira ihr das Kind weggenommen hat, dass sie für die Behinderung verantwortlich ist, weil sie die Fahrt in die Klinik verzögert hat und dass sie für Manuela immer nur das Schlechteste wollte. Dass Elvira sich für den Jungen aufgeopfert, sicherlich nicht alles richtig gemacht, aber dennoch ihr bestes gegeben hat, sieht sie nicht.
Meine Meinung
Dieses Buch wird von sehr vielen Kritikerinnen und Kritikern in den höchsten Tönen gelobt. Ich hatte tatsächlich erst einmal Schwierigkeiten reinzufinden, mich an die lässige Sprache und das nebenbei erzählen zu gewöhnen. Dann hat mir die Art zu Erzählen aber ganz gut gefallen. Viele Details entwickeln sich, wie gesagt, nebenbei. Damit ihr nachvollziehen könnt, was ich meine, hier ein Beispiel: Elvira bittet Ida, sich im Garten um verwelkte Blüten zu kümmern. Während sie die abzupft, schweifen ihre Gedanken ab und sie erinnert sich daran, dass sie eine Brust-OP hinter sich hat und die Silikonkissen nicht mehr ganz in Ordnung sind. Und so erfährt man nach und nach, wie sie sich das Geld beschafft hat, welche Rolle Männer in ihrem Leben gespielt haben usw. Und dann ist sie plötzlich wieder im Hier und Jetzt und der Gedanke ist weg.
Schwierig fand ich, dass ich alle Personen auf unterschiedliche Arten unsympathisch fand. Ida war mir tatsächlich noch die liebste. Schwierig fand ich auch den Umgang mit Ole, der überhaupt nicht gefördert wird, der nicht mal mitläuft, sondern eher vernachlässigt wird. Das ist besonders deshalb tragisch, weil es sich um eine wahre Geschichte handeln soll.
Und was mich völlig verwirrt zurückgelassen hat, ist das offene Ende der Erzählung. Sprachlich und vom Aufbau her ist das alles top, aber am Schluss blieb bei mir ein „Wie, das war es jetzt?“ zurück. Ich mag Bücher, von denen etwas bei mir bleibt, wenn ich sie beendet habe, über die ich noch nachdenke, weil sie mich auf eine gute Art noch beschäftigen, denen ich noch nachspüre – das habe ich bei diesem Buch leider nicht gehabt.
In Kürze
Titel: Unser Ole
Autorin: Katja Lange-Müller
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen: 2024
Preis: 24.00 Euro