Alex Schulmann: Endstation Malma

Mein erster Buchtipp 2024 kommt von einem Autor, der mich auch im vergangenen Jahr schon begeistert hat: Alex Schulman. Gerne könnt ihr meine Rezension zu LINK (verbrenn all meine Briefe) auch noch anschauen, das Buch lohnt sich definitiv immer noch und gehört zum besten, was ich im vergangenen Jahr gelesen habe. Auch wenn wir erst Januar haben, schickt sich Alex Schulman an, auch im neuen Jahr zum Favoritenkreis zu gehören.

Malma

Malma ist ein kleiner Ort in Schweden, einige Fahrtstunden von Stockholm entfernt. Auf der Landkarte sucht man ihn vergeblich. Es gibt nichts Besonderes dort und trotzdem ist es für einige Menschen ein Sehnsuchtsort, um Ruhe oder Antworten zu finden.  Bezeichnend ist, dass die Zugstrecke genau hier endet, wer also nach Malma fährt, kommt an ein Ende, an seine Endstation.

In diesem Fall erfahren wir von mehreren Reisenden, die sich im Zug befinden: ein Ehepaar in der Krise, ein Vater mit seiner kleinen Tochter und eine Frau, die das Rätsel ihres Lebens lösen will. So steht es im Klappentext und die Beschreibung trifft es sehr gut.  Während es dort weiter heißt, dass sie nicht wissen, wie ihre Schicksale verwoben sind und was sie in Malma erwartet, möchte ich euch gerne etwas mehr verraten.  Wenn ihr euch komplett überraschend lassen wollt, überspringt bitte den nächsten Absatz – es droht Spoileralarm.

Harriet, Oskar und Yana

Was wir als Leserinnen und Leser erst nach einiger Zeit verstehen, ist, dass die genannten Personen gar nicht gleichzeitig im Zug nach Malma sitzen, sondern dass zwischen ihren Fahrten mehrere Jahrzehnte liegen.

Im Mittelpunkt steht Harriet. Sie ist das kleine Mädchen, das mit seinem Vater reist und sie ist später auch Teil des Ehepaars und versucht, gemeinsam mit ihrem Mann Oskar die Beziehung irgendwie zu retten, auch wenn längst alles verloren ist. Die Frau, die ihr Lebensrätsel lösen möchte, ist Yana – die Tochter von Harriet und Oskar.

Wir haben es hier über Generationen hinweg mit einer dysfunktionalen Familie zu tun. Zusammenhalt und Fürsorge sucht man vergeblich. Kaum jemand ist tatsächlich beziehungsfähig. Kinder und Partner werden im Stich gelassen und die nicht vorhandene Bindung sorgt bei den Nachkommen für psychische Probleme, Einsamkeit und Selbstmordtendenzen.

Die Grundlage für alle Probleme ist wahrscheinlich schon vor dem Beginn der Handlung entstanden. Wir steigen in Harriets Kindheit ein. Harriets Mutter verliebt sich in einen anderen Mann und zieht mit ihm von Stockholm nach Malma. Aus „Gründen der Fairness“ werden die beiden Töchter zwischen den Eltern aufgeteilt. Eigentlich möchte niemand Harriet zu sich nehmen, das Los fällt schließlich auf den Vater. Beide haben kein enges Verhältnis zueinander und der Kontakt zu Mutter und Schwester reißt nach einem Vorfall bei einem Besuch in Malma komplett ab.

Als Harriet Oskar kennenlernt, scheint für einige Jahre alles gut zu sein. Beide bekommen Tochter Yana und wirken glücklich. Doch die Liebe wird brüchig, Harriet will sich trennen und fährt nach Malma, um einige Dinge für sich zu klären. Oskar, der die Trennung nicht wahrhaben will, steigt mit in den Zug.

Nachdem Oskar ohne Harriet heimkehrt, zieht er Yana mehr schlecht als recht allein groß. Sie ist inzwischen erwachsen, es gibt schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zwischen beiden. Als Yana von seinem Tod erfährt und seine persönlichen Sachen durchschaut, wächst der Wunsch, mehr darüber zu erfahren, warum ihre Mutter sie in der Kindheit verlassen hat. Deshalb setzt sich auch Yana in den Zug und fährt nach Malma, um mit Hilfe eines alten Fotoalbums Spuren ihrer Familie zu finden.

Meine Meinung

Auch wenn ihr meint, jetzt die ganze Geschichte zu kennen: Es gibt noch viel mehr in diesem Buch zu entdecken.

Die ganze Geschichte ist toll konstruiert und wunderschön erzählt. Ich war an manchen Stellen schockiert, wie über die Köpfe von Kindern hinweg Dinge entschieden wurden, aber vor dreißig, vierzig Jahren waren Erziehung und Umgang miteinander noch völlig anders als heute. Nichtsdestotrotz sind die Verhältnisse in dieser Familie schon ordentlich neben der Spur. Es handelt sich dabei aber keineswegs um Menschen, die außerhalb sozialer Normen leben, sondern um eine bürgerliche Familie, in der nach außen hin alles gut und vernünftig erscheint. Gerade das lässt die Zerrissenheit noch deutlich schlimmer erscheinen. Spannend ist es zu sehen, wie die Entscheidungen der Großeltern auch Jahrzehnte später noch Auswirkungen auf das Leben der Enkel haben. Im Grunde ist die Gedankenlosigkeit der Erwachsenen zumeist ein Zeichen von Überforderung, ohne dass eine böse Absicht dahintersteckt. Es ist ein trauriges, zugleich aber unfassbar warmherziges Buch.

In Kürze

Titel: Endstation Malma

Autorin: Alex Schulmann

Verlag: dtv

Erschienen: 2023

Preis: 24 Euro

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