Lasst euch vom Titel dieses Buches bitte nicht abschrecken. Ich finde, er ist nicht besonders klug gewählt. Diese Geschichte hat gar nichts seltsames an sich und es geht viel eher um eine Liste als um ein Buch. Dahinter verbirgt sich vielmehr eine wunderschöne Erzählung über Freundschaft und über das Erwachsenwerden vor einem sehr ungewöhnlichen Hintergrund.
Darum geht’s
Miv ist 12 Jahre alt und lebt im englischen Yorkshire. Wir befinden uns Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre. Margret Thatcher wurde gerade zur Premierministerin gewählt und das Land hat mit einer hohen Arbeitslosenquote und Armut bis in die Mittelschicht hinein zu kämpfen. Auch Mivs Vater war lange ohne Job, große Sprünge sind für die Familie nicht drin.
Miv lebt mit ihren Eltern und ihrer Tante Jean in einem kleinen Haus. Die Tante ist vor zwei Jahren zu ihnen gezogen, als die Mutter krank wurde. Von einem Tag auf den anderen hat sie aufgehört zu sprechen und am Leben teilzunehmen. Die meiste Zeit verbringt sie alleine im Schlafzimmer, falls sie doch einmal aufsteht, setzt sie sich ins Wohnzimmer und starrt vor sich hin. Für Miv ist es so als wäre sie gar nicht da. Der Vater ist mit einer Teenietochter überfordert, versucht aber sein Möglichstes und die Tante sorgt für ein ordentliches, strukturiertes Zuhause. Liebe, Gespräche und Nähe gibt es für Miv aber kaum, sie ist mehr oder weniger sich selbst überlassen und kann tun und lassen, was sie will.
Das beherrschende Ereignis im Leben der Menschen in Yorkshire sind zu dieser Zeit die Taten des Yorkshire-Rippers. Dieser Mörder tötet jahrelang Prostituierte, ohne dass die Polizei ihn fassen kann. Als Miv mitbekommt, dass Vater und Tante einen Umzug planen, ist für sie klar, dass es nur einen Grund dafür geben kann: Sie wollen sich vor dem Ripper in Sicherheit bringen. Da Miv ihre beste (und zu diesem Zeitpunkt) einzige Freundin nicht verlassen will, sieht sie nur eine Lösung. Sie muss den Yorkshire-Ripper finden, damit alle wieder in Ruhe leben können. Die Jagd nach ihm wird zu ihrer Lebensaufgabe.
Der Yorkshire-Ripper
Autorin Jennie Godfrey ist in Yorkshire mit den Erzählungen über den Ripper aufgewachsen. Peter Sutcliffe hat zwischen 1975 und 1980 dreizehn Frauen getötet und sieben teils lebensgefährlich verletzt. Er schlich sich von hinten an und schlug den Frauen auf den Hinterkopf, danach stach er mit einem Messer dutzendfach auf sie ein und ließ sie dann wie Müll an dreckigen, einsamen Orten zurück. Diese Taten sind real und bilden die Grundlage dieses Romans. Trotzdem haben wir es hier nicht mit einem Thriller zu tun, denn es gibt nur wenige Details über die Verbrechen. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Suche der Kinder nach dem Mörder.
Miv verfolgt mit großem Eifer die Medienberichterstattung und sucht nach jedem noch so kleinen Detail. Sie kennt den Dialekt des Täters, die Beschreibung seines Aussehens und auch erste Ansätze des Profilings, das damals noch in den Kinderschuhen steckte („Möglicherweise führt der Mann ein ganz normales Familienleben, ohne dass sein Umfeld etwas von seiner dunklen Seite weiß.“) Sie beginnt alle Männer in ihrem Umfeld zu beobachten, ihren Lehrer, den Vikar, den Mann einer Bekannten, sogar ihren eigenen Vater. Dabei stößt sie überall auf Geheimnisse und Ungereimtheiten, denn auch, wenn alle glauben, ihre Familienmitglieder oder Nachbarn genau zu kennen, gibt es doch vieles, was bisher im Verborgenen stattfand.
Die Suche dauert mehrere Monate und in dieser Zeit entstehen neue Freundschaften, Miv und Sharon werden erwachsen und beide lernen sehr viel über das Leben und über Menschen.
Meine Meinung
Was ich an diesem Buch großartig finde, ist, dass Jennie Godfrey es schafft, den Blickwinkel eines Kindes Ende der 1970er Jahre einzunehmen. Es ist eine Zeit, in der Kinder für viele Dinge gar keine Worte hatten. Man merkte zwar, dass etwas nicht stimmte, konnte es aber nicht wirklich benennen. So handelt sie große Themen wie Tod und Trauer, sexuellen Missbrauch, Prostitution oder Liebe ab, ohne dabei den kindlichen Fokus zu verlieren. Ein Beispiel: Miv hat gelesen, dass der Ripper vor allem Prostituierte tötet, weiß aber nicht, was das für Frauen sind. Naiv wie eine 12jährige zur damaligen Zeit meistens war, macht sie sich im Rotlichtviertel auf die Suche nach mehr Informationen, ohne vorher zu wissen, was dort vor sich geht. Sie kann nerven, wenn sie sich in ihr Thema verbeißt, sie begibt sich in gefährliche Situationen, ist aber zugleich ein herzensguter Mensch und hat immer die Absicht, anderen zu helfen, auch wenn sie dabei manches Mal übers Ziel hinausschießt.
Es ist ein sehr warmherziges Buch, bei dem ich herzlich gelacht und bitter geweint habe. Bis auf wenige Ausnahmen waren alle Figuren etwas schrullig, aber sehr liebenswert. Ich habe mich richtig schön in diese Geschichte reingekuschelt und war traurig als ich am Ende angekommen war. Die Erzählung ist rund, hat Tiefgang, ist aber trotzdem angenehm leicht zu lesen. Die Times hat geschrieben: “Eine herzerwärmende Ode an die heilende Kraft von Freundschaften in dunklen Zeiten.“ Da kann ich mich nur anschließend und euch dieses Buch ans Herz legen, zum Beispiel als Geschenk für die beste Freundin.
In Kürze
Titel: Unser Buch der seltsamen Dinge
Autorin: Jennie Godfrey
Verlag: dtv
Erschienen: 2024
Preis: 23 Euro