Buchtipp: Woher wir kamen (Ulrike Schweikert)

Falls ihr Ulrike Schweikert noch nicht kennt: Von ihr stammen die Charité-Bücher, aus denen die ARD eine tolle Serie gemacht hat. Von der Handlung rund um das renommierte Krankenhaus ist ihr neues Buch allerdings meilenweit entfernt.

Darum geht es

Kurz gesagt haben wir es mit einer Familiengeschichte zu tun, die sich über fast 100 Jahre und drei Kontinente erstreckt. Im Mittelpunkt steht Jane, die ein wenig verloren wirkt. Die junge Frau war als Sanitäts-Soldatin im Irak und ist mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zurückgekehrt. Vor kurzem ist ihr Vater verstorben, ihr Bruder starb im Krieg, ihre Mutter wurde vor vielen Jahren von einem Auto überfahren, so dass sie jetzt recht allein, ohne Familie dasteht. Für sie kein ungewohntes Gefühl, denn als Tochter eines schwarzen Soldaten und einer weißen Krankenschwester, war sie in ihrer Umgebung schon immer für die einen zu hell-, für die anderen zu dunkelhäutig und gehörte nirgends so richtig dazu. Bei der Testamentseröffnung wird Jane davon überrascht, dass ihr Vater ihr ein Sommerhaus im, bei den Reichen beliebten, Urlaubsort Cap Cod vererbt hat. Da sie gerade nichts besseres zu tun hat, reist sie hin und stößt auf Hinterlassenschaften ihrer Großeltern, die ursprünglich aus Berlin stammten und in diesem Haus gelebt haben.  

Jane

Die aktuelle Handlung spielt zwischen New York und Cape Cod im Jahre 2007. Bis 2006 war Jane im Irak im Einsatz. Dass sie nur als Sanitäterin dort war, kam bei ihrem Vater, einem hochdekorierten Marine nicht gut an. Es war immer ihr Bruder, auf den der Vater seine Hoffnungen setzte, von einem Mädchen wurde nicht allzu viel erwartet. Als sie dann zunächst zur Navy statt zu den Marines ging, war auch das nur ein Soldatenleben zweiter Klasse.

All das erfahren wir erst nach und nach in kurzen Rückblenden und aktuellen Erlebnissen. So bekommen wir mit wie ihre Karriere ins Rollen kam, wie die erste große Liebe in die Brüche ging, wie das Leben als Soldatenkind auf immer wechselnden Stützpunkten war und so weiter. Auf der Suche nach sich selbst und ihrer Geschichte lässt sich Jane Briefe und Tagebücher ihrer deutschen Großeltern Emilia und Bruno übersetzen und reist schließlich nach Berlin

Emilia und Bruno

Emilia ist 14 als sie das ehemalige Heimkind Bruno kennenlernt. Er ist aus dem Kinderheim abgehauen, um dem sexuellen Missbrauch durch einen Priester zu entgehen und schlägt sich mit kleineren Diebstählen durch. Im Dachgeschoß des frisch umgebauten Admiralspalasts richtet er sich heimlich eine ärmliche Unterkunft ein. Das große Gebäude bietet 1910 alles, was sich die Berliner an Freizeitmöglichkeiten wünschen können: von der Badeanstalt bis zum Eislaufpalast. Hier finden Revuen statt, es gibt Restaurants und auch Freudenmädchen bieten ihre Dienste an. Emilias Großvater arbeitet im Admiralspalast als Hausmeister und während sie nachts heimlich durch die Gänge streift und die Atmosphäre des besonderen Hauses genießt, entdeckt sie Bruno. Beide freunden sich schnell an und Emilia versorgt den Jungen mit Essen und Büchern, so dass er die Bildung, die er in der Schule nicht bekommen hat, nachholen kann. Nach einiger Zeit bekommt er sogar einen Job als Hausmeistergehilfe. Und wie es zu erwarten ist, verlieben sich beide ineinander. Aber das Leben in der Weimarer Republik und nach der Machtergreifung Hitlers ist hart und so wandern beide schließlich nach Amerika aus. Ich möchte hier nicht so sehr ins Details gehen – hier sollt natürlich auch noch etwas zum Lesen haben.  

Meine Meinung

Ohne mich in den beschriebenen Gegenden und Lebenswelten gut auszukennen, bin ich sicher, dass dieses Buch sehr gut recherchiert ist. Mir hat vor allem der Bereich des Admiralspalastes gut gefallen, wo Emilia ganz zufällig, Musikern, Malern und anderen Künstlern über den Weg läuft, ohne das dies für besondere Aufregung sorgt. Bei den Menschen mit Geld, war dies wohl der Ort, an dem man regelmäßig vorbeischauen musste, um dazuzugehören. Emilia und Bruno zeigen aber auch die andere Seite Berlins in dieser Zeit. Bruno als ausgesetztes Kind, das als Erwachsener nur durch viel Glück und Emilias Bekanntschaft die Chance auf eine Zukunft hat. Und Emmy, die ohne Vater mit einer kranken Mutter aufwächst, der die Versorgung des Mädchens ohne Unterstützung des Großvaters gar nicht möglich wäre.

Demgegenüber steht Jane in den USA mitten in der Zeit des 3. Irakkriegs, dessen Notwendigkeit heute von vielen in Zweifel gezogen wird. Psychisch kaputt, mit einer vom Krieg zerstörten Familie.

Alles für sich genommen interessant, auch gut und flüssig lesbar geschrieben. Dennoch muss ich sagen, dass mich dieses Buch nicht wirklich abgeholt hat. Mir waren die zeitlichen und räumlichen Distanzen zwischen Deutschland – USA – Irak einfach zu groß und auch wenn Jane das verbindende Glied ist, stand für mich jeder Bereich zu sehr für sich. Ich wäre wahrscheinlich glücklicher gewesen, wenn ich nur von Emmy und Bruno gelesen und sie bei der Auswanderung begleitet hätte. Der Kunstgriff, alles aus alten Dokumenten und in der Rückschau zu erfahren, wäre für mich nicht notwendig gewesen. Leider ist es mir auch nicht gelungen für Jane große Sympathien zu entwickeln, so dass mich ihr (Er-)Leben mehr mitgerissen und fasziniert hätte. Das soll aber nicht heißen, dass es ein schlechtes Buch ist. Nein, es ist handwerklich wirklich gut gemacht, nur meins ist es leider nicht. Lasst Euch davon aber nicht abhalten.

In Kürze

Titel: Woher wir kamen

Autorin: Ulrike Schweikert

Verlag: Rowohlt

Erschienen: 2024

Preis: 18.00 Euro

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