Ich habe genau den perfekten Einstieg in dieses Buch gefunden. Es war der 1. Mai, ein Feiertag an dem ich nichts vorhatte, die Sonne knallte bei 27 Grad und ich habe mich in den Strandkorb auf meinem Balkon gesetzt. Was passt da besser als ein Buch mit dem Titel „Sommer ohne Plan“?
Darum geht’s
Cassi hat jahrelang erfolgreich als Managerin in einem der besten Restaurants Stockholms gearbeitet. Immer auf der Überholspur, immer was zu tun, ohne jemals zur Ruhe zu kommen. Sie war mit einem Weinhändler verlobt, der immer in Europa unterwegs und nur selten zu Hause war. In dem Moment, in dem wir Cassi kennenlernen lebt sie nicht mehr in ihrer schicken Eigentumswohnung, sondern zur Untermiete auf 20 Quadratmetern in einem Keller und verdient ihr Geld damit, Regale einzuräumen.
Dazwischen liegt ein handfestes Burnout, das sie völlig aus der Bahn geworfen hat. Der Mann ist weg, den Mega-Job hat sie per SMS gekündigt. Sie ist antriebslos und leer und kann sich nicht dazu aufraffen, irgendetwas an ihrer Situation zu ändern. Stattdessen trinkt sie zu viel, verliert auch noch ihren miesen Job und bekommt die Kündigung für ihr Zimmer. In dieser Situation stößt sie auf ein Inserat, in dem ein windschiefes Häuschen irgendwo in der schwedischen Pampas zum Kauf angeboten wird. Die Aussicht irgendwo ohne Menschen leben zu können, spricht sie an und sie kauft die Hütte, ohne groß nachzudenken. Vom Verkauf ihrer Eigentumswohnung hat sie genug Geld auf der hohen Kante, um eine Weile davon leben zu können.
Wegen ihres alten Facebookfotos und weil sie sich beim Besichtigungstermin merkwürdig verhalten hat, hält der Makler sie für eine esoterische Yogalehrerin und erzählt im Dorf herum, dass sie so eine Art Wunderheilerin ist. Und so tauchen nach und nach Menschen bei ihr auf, die ihre Hilfe in Anspruch nehmen wollen. Statt das Missverständnis aufzuklären, gibt sie ihnen, ohne jegliche Ausbildung, genau das, was sie wollen: von der Yogastunde über Heilung mit Kristallen (die eigentlich Kieselsteine sind) bis hin zu Moormassagen. Sie wirft mit klugen Ratschlägen um sich und entwickelt spontan aus der Situation heraus Heilmethoden. Ist anfangs noch die Angst da, aufzufliegen, wird sie sich im Laufe der Zeit immer sicherer, in dem, was sie tut und hilft den Leuten tatsächlich, in dem sie ihnen zuhört und ihnen Mut macht, an verfahrenen Lebenssituationen etwas zu ändern. Unterstützung bekommt sie von Pavel, einem alten Mann, der in ihrer Nähe lebt und einer alten Liebe hinterhertrauert. Auch für ihn wird sie zu einer wichtigen Gesprächspartnerin, die ihm die schönsten Momente seit Jahrzehnten ermöglicht. Aber es wäre ja langweilig, wenn alles einfach so positiv bleiben würde und deshalb gibt es auch eine gute Portion Drama und auch Traurigkeit obendrauf.
Meine Meinung
Ein sommerlich leichtes Buch, ohne oberflächlich zu sein. Ich hatte Spaß an Cassi und ihrer leicht verqueren Art, die sich von der harten Geschäftsfrau zu einer ziemlich verwahrlosten in-den-Tag-hinein-lebenden-Frau entwickelt hat. Ich habe über ihre Therapieansätze gelacht, ihre Kreativität gefeiert und auch einige Tränen mit ihr gemeinsam vergossen. Die etwas überspitzt gezeichneten Charaktere der Dorfbewohner, kommen einem sehr bekannt vor, weil es sie so oder so ähnlich vermutlich überall gibt. Eine Geschichte, die man einfach so weglesen kann, die aber dennoch sehr berührt. Eine Kleinigkeit hat mich allerdings geärgert. Im Klappentext steht, Cassi habe das PERFEKTE Burn-out. Was soll das bitteschön sein? Gibt es eine perfekte Krankheit? Als Betroffene muss ich sagen, dass das – sorry – eine Arschlochkrankheit ist, wie viele andere auch und dass ich deshalb diese Wortwahl völlig daneben fand. Lass euch aber den Spaß an diesem Buch davon nicht verderben, ich habe es auch nicht gemacht.
In Kürze
Titel: Sommer ohne Plan
Autor: Johanna Swanberg
Verlag: Hoffmann und Campe
Erschienen: 2025
Preis: 25 Euro