Buchtipp: Die Liebe sucht ein Zimmer (David Safier)

Vielleicht kennt ihr David Safier durch seine sehr erfolgreiche Miss Merkel-Krimireihe. Band 5 erscheint in Kürze. Ehrlich gesagt, hat mich die ermittelnde Altbundeskanzlerin bisher nicht sonderlich interessiert, deshalb ist „Die Liebe sucht ein Zimmer“ auch das erste Buch, das ich von David Safier gelesen habe. Um das wichtigste schonmal vorwegzunehmen: Ich bin begeistert.

Im Warschauer Ghetto

Die Geschichte spielt 1942 im Warschauer Ghetto. Auf engstem Raum lebten hier zu dieser Zeit fast 500.000 Juden. Die Transporte in die Konzentrationslager hatten noch nicht begonnen und so findet sich auch hier eine Gesellschaft wieder, wie sie auch außerhalb des Ghettos zu finden sein könnte: Es gibt Menschen, die ihren Reichtum und ihre Kontakte behalten haben und sich recht komfortabel durchschlagen und andere, die in bitterster Armut leben, nichts zu essen haben und fürchten müssen, zu erfrieren. Sie alle eint, dass sie das Ghetto nicht verlassen dürfen, von den Deutschen streng bewacht werden und jederzeit damit rechnen müssen, verprügelt oder getötet zu werden. Eine Grundangst ist also immer vorhanden. Trotzdem gibt es inmitten dieser Grausamkeiten ein Stück ganz normales Leben. Die bekanntesten jüdischen Künstler mussten auch ins Ghetto umsiedeln, es gibt drei Theater, in denen unter schwierigsten Umständen, Stücke auf die Bühne gebracht werden, um den Menschen kleine Fluchten aus dem Alltag zu ermöglichen und den Schauspielerinnen und Schauspielern einen kärglichen Lebensunterhalt zu sichern.

Sara

In einem dieser Theater arbeitet Sara als Schauspielerin. Die junge Frau hat bereits einige Schicksalsschläge wegstecken müssen und ist froh, eine selbstgewählte neue Familie im Schauspielmilieu gefunden zu haben. Allerdings ist ihr Liebesleben etwas kompliziert, denn sie war kurzzeitig mit Regisseur Michal zusammen und hat sich dann in ihren Schauspielkollegen Edmund verliebt. Alle drei arbeiten am selben Theater, was die Sache für alle Beteiligten nicht einfacher macht, denn Michal ist immer noch in Sara verliebt.

Alle drei stehen gemeinsam in einem neuen Stück auf der Bühne. Vor Beginn der Premiere macht Michal Sara ein Angebot. Er hat eine Möglichkeit gefunden, das Ghetto zu verlassen und auch ein Unterschlupf auf dem Land steht bereit. Wenn Sara ihn begleitet, kann sie das Elend verlassen und hat große Chancen den Krieg und die Naziherrschaft zu überleben. Ihren Geliebten muss sie allerdings zurücklassen, in der Gewissheit, ihn nie wieder zu sehen und mit einem Mann gehen, für den sie nichts mehr empfindet. Für ihre Entscheidung hat Sara so lange Zeit bis der Vorgang fällt.

Die Liebe sucht ein Zimmer

Das Stück, das an diesem Abend Premiere feiert, heißt „Die Liebe sucht ein Zimmer“ und ist eine Komödie, die im Warschauer Ghetto spielt. Dort herrscht Wohnungsnot und ein Zimmer wird an zwei frisch verheiratete Paare gleichzeitig vermietet. Durch das enge Zusammenleben, nur durch einen Paravent getrennt, ergibt es sich, dass sich die vier untereinander neu verlieben. Mit viel Komik, Wortwitz und Verwechslungen sorgt das Stück bei den Zuschauern für gute Unterhaltung.

Sicherlich taucht bei einigen von euch die Frage auf, ob es in Ordnung ist, den Holocaust als Komödie aufzugreifen. In diesem Fall muss ich ganz klar ja sagen, denn der Autor zeigt im Anhang zu diesem Buch, dass es sich bei „Die Liebe sucht ein Zimmer“ um ein echtes Stück handelt, das während des zweiten Weltkriegs geschrieben und im Ghetto aufgeführt wurde. Somit handelt es sich dabei tatsächlich um ein historisches Dokument, das im Mittelpunkt dieses Romans steht.

Meine Meinung

Ich möchte die Gräueltaten der Nationalsozialisten nicht kleinreden, aber was mir an diesem Buch besonders gut gefallen hat, ist, dass sie zwar eine Rolle spielen und an einigen Stellen auch grausam illustriert werden, dass es David Safier aber dennoch schafft, inmitten all des Schrecklichen, die Normalität zu zeigen. Es gab Menschen, die sich verliebt haben, es gab Menschen, die gelacht haben, es wurde Musik gemacht. Die Geschichte selbst ist Fiktion, auch wenn das beschriebene Theaterstück echt ist. Trotzdem ist das Ganze so lebendig und wirkt so realistisch, dass es in meiner Vorstellung genauso passiert sein könnte.

Safier verknüpft mehrere Erzählebenen gekonnt miteinander. Wir haben Saras Erinnerungen, wir haben das aktuelle Leben mit all seinen Herausforderungen und wir haben das, was auf der Bühne passiert. Zusammen gibt es ein buntes und eindrucksvolles Bild des Ghetto-Lebens.

Saras Ringen um eine Entscheidung liest sich zeitweise spannend wie ein Krimi, sie wechselt ihre Meinung immer wieder, findet neue Argumente für den einen oder gegen den anderen.  Die ganz große Stärke dieses hervorragend recherchierten Buches ist es aber, wie subtil wir die Härte des jüdischen Lebens 1942 vermittelt bekommen. Ein Beispiel: Sara steht mit einer offenen Frostbeule an der Hand auf der Bühne. Es ist bitterkalt, aber die Brennstoffvorräte reichen nur dazu, den Saal ein wenig zu heizen, für die Schauspieler bleibt keine Wärme übrig. Das Ding tut weh, es sondert Flüssigkeit ab und wird dann notdürftig und schmerzhaft unter Puder versteckt. Es wird nicht viel Aufheben darum gemacht, es wird, wie so vieles andere, hingenommen.

Wer sich dem jüdischen Leben im Nationalsozialismus von einer ungewöhnlichen Seite nähern möchte, ist bei diesem Buch sehr gut aufgehoben. Es ist spannend, unterhaltsam und bringt trotzdem die notwendige Ernsthaftigkeit für das Thema mit.

In Kürze

Titel: Die Liebe sucht ein Zimmer

Autorin: David Safier

Verlag: Rowohlt KIndler

Erschienen: 2025

Preis: 24 Euro

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