Buchtipp: Das Geschenk des Meeres (Julia R. Kelly)

Sturm und Meer spielen eine Hauptrolle in diesem Buch. Auch wenn beide laut tosen, ist es eine ganz feine, stille Geschichte. 

Darum geht es

Wir befinden uns an der schottischen Küste, in einem kleinen Dorf namens Skerry. Es ist der Winter 1900. In einer stürmischen Nacht wird ein etwa 6jähriger Junge an Land gespült, mehr tot als lebendig. Lehrerin Dorothy nimmt den Jungen bei sich auf, um ihn aufzupäppeln. Durch seine Anwesenheit brechen alte Wunden wieder auf, denn vor vielen Jahren hat sich Dorothys Sohn in einer stürmischen Nacht aus dem Haus geschlichen und ist seitdem verschwunden. Alle sind sich sicher, dass er ertrunken ist, denn am Strand wurde einer seiner Stiefel gefunden. Fischer Joseph war es, der den Stiefel damals fand und er ist es auch, der den Jungen jetzt aus dem Wasser zieht. Für die Dorfbewohner, die recht gerne tratschen, Futter für neue Klatschgeschichten.

In Rückblenden erfahren wir nach und nach, was in den vergangenen Jahren passiert ist. Dorothy kam als junge Lehrerin in das Dorf, wurde aber nie richtig heimisch, sie war immer zu ernst und zu steif für die Dorfbewohnerinnen. Zu Joseph fühlte sie sich gleich von der ersten Begegnung an hingezogen und ihm ging es umgekehrt genauso. Das schickte sich nicht, es gab Missverständnisse und so wurde nichts aus den Beiden. Die Sehnsucht nach einander blieb aber bestehen. Dorothy heiratete einen anderen Mann, aber beide wurden in der Ehe nicht glücklich, obwohl ihr Sohn Moses sie zunächst zusammenschweißte. Dorothys Mann nahm schließlich eine weit entfernte Arbeit an, schickte Geld, ließ sich aber nie wieder blicken. Und so musste die junge Frau ihr Leben und auch den Verlust ihres Kindes, ganz alleine meistern.

Der kleine Junge, den sie bei sich aufnimmt, hilft Dorothy aus der Lethargie einer verwaisten Mutter herauszufinden. Jahrelang hatte sie das Zimmer ihres Sohnes nicht betreten und sich von jeder gesellschaftlichen Aktivität zurückgezogen. Jetzt beginnt sie sich zu öffnen, mit dem Kind Dinge zu unternehmen und sie lässt Gedanken an Moses zu. Plötzlich fallen ihr Ereignisse wieder ein, bei denen sie möglicherweise falsch gehandelt hat, weil sie zu streng oder nicht liebevoll genug war. Und sie erkennt, dass sie möglicherweise schuld daran war, dass er heimlich das Haus verlassen konnte. Sie ist aber nicht die Einzige, die sich die Schuld an seinem Tod gibt. Und auch mit Joseph kommt sie langsam, nach Jahren des Schweigens, wieder in Gespräch.

Meine Meinung

Es ist eine sehr rührende Geschichte, die davon erzählt, welche Umwege man im Leben manchmal gehen muss. Mich hat dieses Buch sehr berührt, das ganz still und ohne Drama davon erzählt, wie Beziehungen scheitern können, wie man mit nahezu unerträglichen Schmerzen umgeht und wie viele und welche Menschen es braucht, um heilen zu können.

Das Meer spielt eine sehr große Rolle, denn es bestimmt mit seiner Wildheit und Gefahr das Leben der Menschen in Skerry. Um nur mal eins der kleinen Beispiele zu nennen: Jedes Dorf hat ein eigenes Strickmuster, zu Skerry gehören Wellen. Alle Frauen stricken dieses Mustern in die warmen Arbeitspullover ihrer Männer, damit man, wenn ein toter Fischer an Land gespült wird, erkennt, woher er stammte. Und manch eine Frau arbeitet auch noch einen Fehler ins Muster ein, damit sie weiß, dass es sich um ihren Mann handelt, falls er länger im Wasser lag oder von Fischen angeknabbert wurde und nicht mehr zu erkennen ist. Man sieht also, dass die Angst immer dabei ist.

An manchen Stellen liest sich das Buch ein wenig altmodisch, aber gerade das spiegelt die beschriebene Zeit wunderbar wider. Auch wenn alles in dieser Winterzeit dunkel und oft auch trostlos erscheint, habe ich mich mit dieser Geschichte sehr wohl gefühlt. Für mich ein phantastisches Herbst-/Winterbuch, wenn wir Kerzen, Decken und heißen Tee hervorholen.

In Kürze

Titel: Das Geschenk des Meeres

Autorin: Julia R. Kelly

Verlag: Mare

Erschienen: 2025

Preis: 25 Euro

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