Buchtipp: Himmelerdenblau (Romy Hausmann)

Drei Jahre hat es gedauert, bis Romy Hausmann nach Perfect Day einen neuen Psychothriller herausgebracht hat. Das Warten hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Darum geht es

Himmelerdenblau, das ist der Moment, wenn das Meer und der Himmel dieselbe Farbe haben und man nicht mehr unterscheiden kann, wo das eine anfängt und das andere aufhört. Ausgedacht hat sich dieses Wort die 16jährige Julie, bevor sie verschwunden ist. Seit 20 Jahren fehlt von ihr jede Spur. Damals gab es eine Lösegeldforderung auf dem Computer ihrer Eltern, die Entführer haben sich aber nie wieder gemeldet. Vermutlich weil man – trotz Warnung – die Polizei eingeschaltet hat.

Der Jahrestag ruft jetzt das Podcastduo von „Two Crime“, Liv und Phil auf den Plan, die die Geschichte in einer der nächsten Folgen erzählen wollen. Deshalb schreiben sie Julies Vater Theo an, ihre Mutter ist längst verstorben. Theo war Chirurg und hatte einen verantwortungsvollen Posten in der Charité, jetzt droht er seine gesamten Erinnerungen zu verlieren, denn seine Alzheimererkrankung wird immer schlimmer. Manchmal ist er völlig klar und intelligent, in schlechten Phasen lebt er in der Vergangenheit und wenn es noch übler läuft, uriniert er ins Treppenhaus und verwahrlost völlig. Seine zweite Tochter Sophia versucht ihm eine Stütze zu sein, was bei der Zunahme der Symptome aber immer schwieriger wird. Da er in guten Phasen ein ausgemachter Dickkopf ist, beschließt er, gemeinsam mit Podcasterin Liv nach seiner Tochter zu suchen.

Theos Zustand wechselt schnell, so dass seine Glaubwürdigkeit immer wieder in Frage gestellt wird und Liv nicht weiß, wann sie ihm und seinen Erinnerungen trauen kann. Verdächtigt wurde damals Julies deutlich älterer Freund, der auch jetzt wieder in den Fokus gerät. Auch ein Judotrainer könnte mit dem Verschwinden zu tun haben. Als Theo eine Email erhält, die nur das Wort Himmelerdenblau enthält, ist für beide klar, dass Julie noch lebt. Wird sie gefangen gehalten oder hat sie ein neues Leben, weit weg von der Familie angefangen?

Meine Meinung

Wow, was für ein spannendes und gut erzähltes Buch. Die Perspektive wechselt in jedem Kapitel, was der Erzählung eine ordentliche Geschwindigkeit verpasst. Mal „hören“ wir einen Podcast, dann sind wir im einsamen Haus des Ex-Freundes und erfahren, was so ein Verschwinden auch mit denen macht, die zurückbleiben, dann schauen wir auf einen völlig verwirrten Theo, dem Wörter fehlen, der Gegenstände nicht mehr erkennt und nur noch ein Schatten des Karrieristen aus der Vergangenheit ist. Gerade die Alzheimerperspektive ist hervorragend gelungen. Nie auslachend oder von oben herab, sondern immer mit Empathie und Verständnis, bekommen wir einen sehr guten Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt eines Betroffenen. Diese Erkrankung beschert der Geschichte ganz neue Spannungsmomente, weil man als Leser nie weiß, was man glauben kann und was nicht. Hinzu kommen viele Verdächtige, viele Menschen, die selbst Dreck am Stecken haben, auch wenn sie vielleicht nichts mit Julies Verschwinden zu tun haben.

Ich war mir mehrfach sicher, dass ich weiß, was damals passiert ist und dann kam der nächste Plottwist und meine schöne Theorie war ruiniert. Bis ich die nächste sichere Lösung im Kopf hatte.

Es gibt Hinweise darauf, dass Julie lebt und es ihr gut geht, es gibt Hinweise darauf, dass sie mit Medikamenten betäubt und gefangen gehalten wird und es gibt Hinweise darauf, dass sie tot ist. Nur, was davon stimmt, bleibt bis fast zum Schluss offen.

Thrillerfans kann ich dieses Buch wärmstens empfehlen. Es fließt (kaum) Blut und trotzdem ist es zeitweise so spannend, dass es kaum auszuhalten ist.

In Kürze

Titel: Himmelerdenblau

Autorin: Romy Hausmann

Verlag: Penguin

Erschienen: 2025

Preis: 18 Euro

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