Buchtipp: Die Zeit im Sommerlicht (Ann-Helén Laestadius)

Ich habe in mehreren Anläufen versucht, mir die Verfilmung des Vorgängerromans „Das Leuchten der Rentiere“ anzusehen und habe es schließlich aufgegeben. Die Brutalität, mit der gegen die Tiere vorgegangen wird, hat mir echt zu schaffen gemacht. Lesen kann ich so etwas besser als anschauen. Also habe ich direkt mit dem zweiten Erwachsenenroman der Autorin begonnen.

Darum geht es

Die Geschichte spielt im Norden Schwedens, an der Grenze zu Finnland. Heute kennt man diese Gegend als Lappland. Dort lebt das indigene Volk der Samen, mit eigenen Sitten und Gebräuchen, traditioneller Kleidung, einer eigenen Sprache und der Rentierzucht als Haupteinnahmequelle. Aufgrund ihres fremdartigen Aussehens, genetisch gibt es Verbindungen nach Ostasien, und ihres ungewöhnlichen Lebensstils, galten die Samen oder Lappen, wie sie ursprünglich genannt wurden, nicht als echte Europäer. In den skandinavischen Ländern verfestigte sich die Vorstellung, dass es sich um ein niedriger entwickeltes Volk handele, das man bevormunden müsse, weil es nicht in der Lage sei, eine höhere Kulturstufe zu erreichen. In der Folge wurden Nomadenschulen eingerichtet, in denen die samischen Kinder unterrichtet wurden, mit dem Ziel, sie an die schwedische Leitkultur anzupassen.

Eine solche Nomadenschule ist das Zentrum dieser Geschichte. Mitte der 1950er Jahre werden dort mehrere Kinder aus einem Dorf unterrichtet. Es ist ein angsteinflößendes Internat, in dem ihnen alles genommen wird, was bisher ihr Leben bestimmt hat. Sie dürfen ihre Sprache nicht mehr sprechen, ihre Lieder nicht mehr singen und bekommen eingebläut, dass alles, woran sie glauben, vom Teufel stammt. Für Ordnung sorgt eine brutale Hausmutter, die weder vor körperlicher noch vor seelischer Gewalt zurückschreckt. Die Kinder, zum Teil erst sieben Jahre alt, sehen ihre Familien nur noch in den Ferien, wenn sie sich trauen, von den Misshandlungen zu erzählen, was nur selten der Fall ist, glaubt man ihnen nicht oder die Eltern können sich gegen die „Männer in Anzügen“ verbal nicht durchsetzen, so dass es keine Konsequenzen gibt.

Der zweite Erzählstrang setzt 30 Jahre später an. Die Kinder sind inzwischen um die 40 Jahre alt und suchen immer noch nach ihrem Platz im Leben, nach Zufriedenheit oder dem zur Ruhe kommen. Die traumatischen Ereignisse der Kindheit, die zum Teil lebensbedrohlich waren, sind nicht aufgearbeitet worden und machen immer noch Probleme.

Mehr ins Detail möchte ich an dieser Stelle nicht gehen.

Meine Meinung

Es ist sicherlich kein Kapitel in der schwedischen Geschichte, auf das man stolz sein kann. Die Nomadenschulen gab es etwa 50 Jahre lang, oft begleitet von rassebiologischem Gedankengut. Was den Kindern passiert, ist schwer zu ertragen und ich habe häufig hart schlucken müssen. Leider muss man davon ausgehen, dass es genauso gewesen ist, denn die Mutter der Autorin hat eine solche Schule besucht und in langen Gesprächen von dieser Zeit erzählt. Anders ist es bei den Figuren in diesem Buch. Auch als Erwachsene reden sie kaum über ihre Schulzeit und die schlimmen Erfahrungen. Zum Teil verleugnen sie ihre Herkunft auch gänzlich. Am Ende bekommen sie eine kleine Möglichkeit zur Aufarbeitung, was ein wenig versöhnlich stimmt, aber lange nicht ausreichend ist.

Es ist eine ruhige Erzählung und trotz der Schwere des Themas angenehm zu lesen. Wir erfahren viel über das Seelenleben der inzwischen Erwachsenen und was es mit ihnen gemacht hat, eine solche Kindheit überstehen zu müssen. Dabei ist es ein sehr warmherziges Buch. Ich wusste bisher nichts von diesen Ereignissen und fand es sehr interessant, mehr darüber zu erfahren. Eine so knallharte Form des Rassismus hatte ich außerhalb des Nationalsozialismus in Europa nicht vermutet.

In Kürze:

Titel: Die Zeit im Sommerlicht

Autorin: Ann-Helén Laestadius

Verlag: Hoffmann und Campe

Neu erschienen: 2024

Preis: 24 Euro

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