Diese Geschichte hat mich sehr bestürzt und mein ganzes Mitgefühl hervorgeholt. Es ist wichtig, dass sie erzählt wird.
Darum geht’s
Es sind die 1980er Jahre in England, Heron und Dawn sind Anfang 20 als sie heiraten, weil es einfach so üblich ist. Die große Liebe ist es nicht, aber beide kommen gut miteinander aus und freuen sich über die Geburt von Tochter Maggie. Ganz unerwartet lernt Dawn Hazel kennen, die als Lehrerin arbeitet und beide Frauen verlieben sich Hals über Kopf ineinander. Lange halten sie ihre Beziehung geheim, gehen in der Öffentlichkeit als beste Freundinnen durch. Dawn würde aber gerne ganz mit Hazel zusammen sein, sich freundlich von Heron trennen, sich das Sorgerecht teilen.
Wahrscheinlich hätte das klappen können, wenn Justiz und Jugendamt nicht der Meinung gewesen wären, dass lesbische Mütter nicht geeignet sind, Kinder zu erziehen. Als Heron einen Anwalt einschaltet, um die Scheidungsmodalitäten zu klären, gerät die komplette Maschinerie in Gang, die Dawn bloßstellt und ihr schließlich jedes Recht auf ihre Tochter nimmt.
40 Jahre später erkrankt Heron an einer tödlichen Krankheit. Die Zeit, die ihm noch bleibt, nutzt er, um Ordnung zu machen, Papiere zu sortieren, auszumisten. Er hat Maggie liebevoll großgezogen, doch jetzt geraten ihr Papiere in die Hände, die zeigen, dass ihre Mutter sie nicht freiwillig verlassen hat, wie sie all die Jahre dachte.
Meine Meinung
Es ist keine autobiografische Geschichte, die Autorin hat ihre Erzählung aber aus vielen sehr persönlichen Einzelschicksalen zusammengefügt. Sie hat selbst Erfahrungen mit queerer Mutterschaft gemacht und berichtet regelmäßig darüber. Hier ist ihr ein Buch gelungen, dass sicherlich auch außerhalb der queeren Community Beachtung finden wird, weil es einfach egal ist, wer wen liebt. Mich hat es jedenfalls sehr berührt. Dawn steht hier zwischen allen Stühlen, auf der einen Seite liebt sie ihr Kind über alles, auf der anderen hat sie die Liebe ihres Lebens gefunden. Sie möchte beides haben, aber das war in den 1980er Jahren keine Option. Sie ist hier nicht die Böse und auch Heron kann man keinen Vorwurf machen. Beide kommen aus einfachen Verhältnissen und sind den Umgang mit Ämtern und Gerichten nicht gewohnt und müssen auf deren Aussagen vertrauen. Widerspruch hat man zur damaligen Zeit nicht geübt. So glaubt Heron schließlich den Experten, dass der Umgang mit Dawn seiner Tochter schaden wird und erzählt ihr, dass die Mutter sich verliebt und die Familie verlassen hat. Das ist zwar sehr verkürzt, für ein kleines Kind aber wahrscheinlich einfacher zu verstehen und es erspart die Stigmatisierung der damaligen Zeit als ein homosexuelles Leben zum Teil noch unter Strafe stand. Und Dawn hätte vermutlich alles dafür gegeben, den Kontakt zu ihrem Kind behalten zu dürfen. Die Szenen, in denen sie sich vor Gericht äußern muss, sind erschütternd und man kann kaum glauben, dass die geschilderte Zeit gar nicht so weit zurück liegt.
Diejenigen, die heute noch sagen, außerhalb einer heterosexuellen Beziehung dürften keine Kinder aufwachsen, werden ihre Meinung leider auch nach der Lektüre dieses Buches nicht ändern (wenn sie es überhaupt in die Hand nehmen würden), aber alle, die vielleicht leichte Zweifel haben, werden hier merken, dass das einzig wichtige ist, dass Kinder dort sind, wo sie geliebt werden und dass viele Vorstellungen, die es heute noch gibt, im wahrsten Sinne des Wortes aus dem vergangenen Jahrhundert stammen. Ich sehe hier liebende Eltern und eine ungewöhnliche Familiengeschichte.
In Kürze
Titel: Familiensache
Autorin: Claire Lynch
Verlag: Penguin
Erschienen: 2025
Preis: 24 Euro