Auf wilden Pfaden von Katherine May – ruhige Biografie über Wandern und Autismus

Dieses Buch hat etwas zutiefst Entschleunigendes. Auch wenn die Autorin oft aufgewühlt oder wütend ist, konnte ich beim Lesen wunderbar zur Ruhe kommen.

Darum gehts

Katherine May ist 38 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn in England. Eines Tages fasst sie einen ungewöhnlichen Entschluss: Sie möchte den berühmten South West Coast Path an der englischen Küste komplett erwandern – mehr als 1.000 Kilometer.

Allerdings nicht am Stück, sondern verteilt über 18 Monate, an Wochenenden und im Urlaub. Für die Familie ist das eine logistische Herausforderung: Der Startpunkt liegt rund fünf Autostunden entfernt, das Wetter ist meist rau und die Route anspruchsvoller als gedacht.

Katherine liebt die Stille und das Alleinsein beim Wandern. In Gesellschaft fühlt sie sich häufig unwohl, eckt an und kann mit Humor, Emotionen und unausgesprochenen sozialen Regeln oft wenig anfangen. Laute Geräusche und Trubel überfordern sie, sodass sie nach einem Bürotag vollkommen erschöpft ist. Sie liebt ihr Kind sehr, doch körperliche Nähe fällt ihr schwer – ein weiterer Grund, warum das Wandern für sie zu einem geschützten Raum wird, in dem sie ganz bei sich sein kann.

Nach den ersten Etappen zurück im Alltag hört Katherine im Radio ein Interview mit einer Autistin. In deren Beschreibungen erkennt sie sich selbst wieder. Könnte es sein, dass ihre sozialen Schwierigkeiten, für die sie im Laufe ihres Lebens zahlreiche Bewältigungsstrategien entwickelt hat, auf Autismus zurückzuführen sind?

Sie beginnt zu recherchieren und stößt dabei auf viele Vorurteile: Autist:innen seien kleine Jungen mit Inselbegabung – nicht erwachsene Frauen mitten im Leben. Allmählich findet sie eine Erklärung dafür, warum ihr so vieles schwerfällt. Die Wanderung wird für sie immer mehr zu einer Gelegenheit, intensiv über sich selbst nachzudenken und einen Umgang mit ihrer Neurodiversität zu finden.

Meine Meinung

Dieses Buch ist Biografie, Sachbuch und ein wenig auch Roman in einem. Wenn man über ein Buch sagen kann, „da ist jemand auf dem Weg zu sich selbst“, dann trifft das hier voll zu.

Zum einen begleitet man Katherine beim Wandern: mit Höhen und Tiefen, Rückschlägen und Fortschritten, Enttäuschungen und beglückenden Momenten. Ganz nebenbei erfährt man viel über die beeindruckende Küstenlandschaft in Cornwall und Devon.

Gleichzeitig gewährt die Autorin sehr intime Einblicke in ihr Innenleben. Die Vermutung, autistisch zu sein, bringt sie dazu, ihr bisheriges Leben neu zu betrachten. Viele Situationen, in denen sie sich unwohl gefühlt oder angeeckt ist, lassen sich plötzlich erklären. Sie erkennt, dass ihre Umgebung sie schon immer als „ein bisschen komisch“ wahrgenommen hat – inklusive Ehemann und bester Freundin. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft.

Umso erstaunlicher ist es, wie es ihr jahrzehntelang gelungen ist, ein scheinbar „normales“ Leben mit Job und Familie zu führen, indem sie Verhaltensweisen beobachtet, gelernt und imitiert hat. Das wirkt wie eine intellektuelle und emotionale Höchstleistung.

Die mögliche Autismus-Diagnose ist so auch eine Erleichterung: Das Kind hat endlich einen Namen. Vieles wird erklärbar, Schuldgefühle verlieren an Gewicht.

Ich mochte sowohl die Wanderpassagen als auch die psychologischen und persönlichen Reflexionen sehr. Dieses empathische, ruhige Buch habe ich mit großer Freude gelesen. Wer allerdings eine klassische Abenteuergeschichte oder viel Action erwartet, könnte enttäuscht sein – hier geht es vor allem um innere Prozesse.

In Kürze

Titel: Auf wilden Pfaden
Autorin: Katherine May
Verlag: Insel
Erschienen: 2025
Preis: 24 Euro

Hinterlasse einen Kommentar