Es ist ein schmales Buch mit gerade einmal etwas über 200 Seiten – und doch steckt erstaunlich viel Leben darin. „Überlebensstrategien“ von Gudrún Eva Mínervudóttir wird mit einer solchen Wärme erzählt, dass sich das Lesen anfühlt wie eine Kuscheldecke an einem kalten Tag. Ein ruhiger Roman, der leise berührt und lange nachklingt.
Darum geht’s
Die Geschichte spielt in einem kleinen Ort in Island, an dem nicht viel los ist. Es gibt eine Tankstelle, einen Burgerladen – und ansonsten vor allem viel Raum, um mit sich selbst konfrontiert zu sein.
Hier begegnen sich vier sehr unterschiedliche Menschen, die nur eines gemeinsam haben: Sie befinden sich an einem Tiefpunkt ihres Lebens, auch wenn sie das nicht alle bewusst wahrnehmen.
Hanna ist 16 Jahre alt und viel zu dünn, weil sie kaum isst. Die Liebeswirren ihrer Mutter haben ihr Leben durcheinandergebracht. Weil diese aus der Stadt wegwollte, ist Hanna nun in diesem abgelegenen Ort gelandet, kennt niemanden und verbringt ihre Tage allein, während ihre Mutter arbeitet.
Árni war IT-Experte bei einem Medienkonzern, bis ihn eine Erkrankung zwang, seinen Job aufzugeben. Um wieder gesund zu werden, zieht er aufs Land. Bewegung, Abnehmen, ein einfacheres Leben – all das soll ihm helfen, wieder zu sich zu finden.
Aron Snaer ist erst elf Jahre alt und wächst unter schwierigen Bedingungen auf. Seine Mutter ist so depressiv, dass sie kaum noch das Bett verlässt, sein Vater hat die Familie verlassen und weigert sich, Verantwortung zu übernehmen – selbst dann, als Arons Mutter in eine Klinik eingewiesen wird.
Borghildur schließlich hat sich mit ihrem zweiten Ehemann ein schönes Leben aufgebaut. Gemeinsam vermieten sie kleine Ferienhäuschen. Doch vor Kurzem ist ihr Mann bei einem Spaziergang plötzlich zusammengebrochen und gestorben – völlig unerwartet.
Meine Meinung
Dass diese vier Menschen zueinanderfinden, ist reiner Zufall. Und doch entsteht zwischen ihnen etwas, das allen Halt gibt. Jede und jeder von ihnen braucht Unterstützung – und hat gleichzeitig selbst etwas zu geben.
„Überlebensstrategien“ ist ein stilles, unaufgeregtes Buch. Die Handlung umfasst nur wenige Tage und bleibt – bis auf den Fund eines Körperteils im Wald – weitgehend unspektakulär. Gerade darin liegt aber seine Stärke. Die Geschichte hat Tiefe, ohne schwer zu wirken.
Die Figuren werden liebevoll gezeichnet, und obwohl es allen nicht gut geht, ist der Ton des Romans nie düster. Stattdessen schwingt eine gewisse Leichtigkeit mit, die Trost spendet, ohne den Ernst der Situationen zu verharmlosen.
Fazit: Lohnt sich „Überlebensstrategien“?
Ja, unbedingt – vor allem für Leserinnen und Leser, die ruhige, tiefgründige Romane ohne großes Drama mögen. Wir begleiten vier Menschen ein kleines Stück auf ihrem Weg, und das fühlt sich beim Lesen sehr stimmig an.
Durch seinen überschaubaren Umfang ist „Überlebensstrategien“ zudem ideal für alle, die Respekt vor dicken Büchern haben, aber dennoch eine Geschichte suchen, die berührt, nachdenklich macht und nicht überfordert.
In Kürze
Titel: Überlebensstrategien
Autorin: Gudrún Eva Mínervudóttir
Genre: Roman / Gegenwartsliteratur
Verlag: btb
Erscheinungsjahr: 2026
Preis: 14 €