Einhundert Samstage

Heute kann ich euch wieder mal ein Buch abseits des Mainstreams vorstellen. Es hat mich berührt und auch ein bisschen schlauer gemacht.

Die Entstehung des Buches

Michael Frank ist Journalist und Publizist, lebt in New York und schreibt für bekannte amerikanische Magazine. Bei einer Veranstaltung lernt er Stella Levi kennen. Sie ist über 90, im jüdischen Viertel auf Rhodos aufgewachsen und hat das KZ Auschwitz überlebt. Beide treffen sich mehrere Jahre lang regelmäßig samstags, insgesamt, wie der Titel verrät, an 100 Samstagen. Bei diesen Treffen erzählt Stella Levi ihre Lebensgeschichte in kleinen Häppchen, Frank schreibt mit und daraus ist dieses wunderbare Buch entstanden. Die Erinnerungen kommen dabei sehr langsam ans Licht, erst muss das Vertrauen zwischen beiden wachsen und dann erzählt Stella doch mehr als sie eigentlich preisgeben wollte.

Ein dunkles Kapitel

Stella Levi hatte sich geschworen, keine von denen zu werden, die durch Schulen tingeln und nur noch über ihre Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus sprechen. Sie wollte sich nicht auf dieses dunkle Kapitel reduzieren lassen. In den Gesprächen mit Michael Frank hat sie sich doch auf das Erzählen eingelassen und das war eine gute Entscheidung. Wir haben es weder mit einem Roman, noch mit einer Erzählung oder einer Biographie zu tun. Dieses Buch ist vielmehr eine Melange aus unterschiedlichen Gattungen. In einigen der 100 Kapitel habe ich mich in eine Geschichte versetzt gefühlt, dann wieder kam es mir vor als läse ich ein Sachbuch und dann wieder beobachtet Michael Frank die Begegnungen von außen, als sei er als Reporter bei diesen Treffen dabei statt daran teilzuhaben.

Wir erfahren viel über das jüdische Leben vor dem 2. Weltkrieg. Rhodos war damals eine Insel im Mittelmeer, auf der es durch die unterschiedlichen Herrscher der Vergangenheit eine Vielfalt an Kulturen und Sprachen gab und die sich irgendwo zwischen Orient und Okzident, zwischen Altertum und Moderne befand. Mittendrin im Viertel La Juderia lebte Stella mit ihrer Familie ein glückliches Leben mit vielen Freiheiten. Dieses Viertel wird durch die Beschreibungen von Menschen, Essen, Kleidung bunt und lebendig. Als die deutschen Soldaten auf die Insel kommen, gibt es zwar zunächst einige Einschränkungen für die jüdische Bevölkerung, wirklich streng kontrolliert werden diese aber nicht. Umso überraschender ist es, als eines Tages weit über 1000 Juden zusammengetrieben und aufs europäische Festland deportiert werden. Stella landet in verschiedenen Lagern, unter anderem in Auschwitz. Dieser Teil der Erzählung fällt ihr natürlich besonders schwer, aber auch hier kann sie im Gespräch Bilder erzeugen, die das Grauen, aber tatsächlich auch seltene schöne Momente zeigen. Stella überlebt als eine von wenigen Rhodesianern und natürlich ist es auch sehr interessant zu verfolgen, wie sie den Verlust von Familie und Heimat übersteht und einen Neuanfang in Amerika startet. 

Meine Meinung

Ich kenne wenige Bücher, die den Holocaust so eindrücklich und – auch wenn es ein schwieriger Begriff in diesem Zusammenhang ist – lebendig schildern, wie dieses. Michael Frank ist sehr behutsam mit Stella Levi umgegangen und hat sich rund sechs Jahre Zeit genommen, um ihre Erinnerungen zu sammeln. Zeit und Mühe haben sich mehr als gelohnt. Es ist ein offenes und schonungsloses Buch, in dem viele Tote zu beklagen sind, die wir kennenlernen dürfen, gleichzeitig ist es aber auch herzlich, fröhlich und voller Leben.

Auch wenn man denkt, man wisse bereits vieles über dieses Thema, habe ich doch für mich noch viel Neues herausziehen können. Von einer so großen jüdischen Gemeinde auf Rhodos, ihrem Leben und ihrem Schicksal war mir bisher gar nichts bekannt. Umso mehr freut es mich, dass ich jetzt davon erfahren durfte. Gerade in der heutigen Zeit ein extrem wichtiges Buch, das nie mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommt, sondern Freude macht.

In Kürze

Titel: Einhundert Samstage

Autor: Michael Frank

Verlag: rowohlt Berlin

Erschienen: 2023

Preis: 24 Euro

Hinterlasse einen Kommentar