Hier habt ihr wieder einen Beleg dafür, dass aus Skandinavien die besten Thriller kommen. Auch am hellsten Tag im Jahr kann es in Schweden sehr düster werden….
Darum geht’s
Julia Malmros war Polizistin, bevor sie begonnen hat erfolgreiche Krimis zu schreiben. Ihre Bücher kommen so gut an, dass sie damit beauftragt wurde, die Millennium-Reihe fortzusetzen. Der neue Band der Kultreihe soll mit Internetkriminalität zu tun haben – ein Gebiet von dem Julia Malmros überhaupt keine Ahnung hat. Also besorgt der Verlag ihr einen Experten, den deutlich jüngeren Kim Ribbing. Kim ist am ganzen Körper mit Narben übersät und scheint an einer Art Sozialphobie zu leiden. Trotzdem beginnen beide eine Affäre miteinander.
Zum Mittsommerfest reisen Julia und Kim in Julias Ferienhaus auf einer Schäreninsel. Nicht weit entfernt werden an dem Abend mehrere Menschen bei einem Abendessen brutal ermordet. Bewaffnete Männer sind mit dem Boot auf die kleine Insel gekommen und haben die Teilnehmer eines festlichen Essens mit Maschinenpistolen innerhalb weniger Sekunden erschossen. Darunter auch ein Freund von Julia aus Kindheitstagen. Dessen Tochter ist die einzige Überlebende des Gemetzels. Für sie wird Kim der einzige Mensch, dem sie sich anvertrauen möchte.
Kim und Julia beginnen auf eigene Faust zu ermitteln und nutzen dafür Wege, die der Polizei verboten sind. Natürlich geraten sie dabei schnell selbst in Gefahr.
Der Beginn einer Trilogie
In Schweden sind bereits alle drei Bände der Stormland-Trilogie erschienen, dtv legt in Deutschland jetzt den ersten Teil vor. Wenn man hineingefunden hat, ist es durchaus eine Geschichte mit Potential. Allerdings sind die Hauptfiguren nicht sonderlich gefällig, sondern mit zahlreichen Ecken und Kanten versehen. Über Kim erfahren wir beispielsweise, dass er als Kind, mit Wissen seiner Eltern, vom Großvater schwer misshandelt wurde und einige Zeit in einer psychiatrischen Einrichtung verbringen musste. Der Leiter hat ihn für Elektroschockexperimente benutzt und ebenfalls misshandelt. Hier steckt noch eine Menge Stoff für die weiteren beiden Bände drin. Auch Julia Malmros war mir bis zu Schluss nicht wirklich sympathisch, ich fand sie eher anstrengend. Trotzdem bietet die Geschichte genug Spannung, um dran zu bleiben.
Meine Meinung
Zusätzlich zum eigentlichen Inhalt dieses Thrillers ist auch die Entstehungsgeschichte spannend. Lindqvist wurde gefragt, ob er den 7. Band der Millennium-Reihe schreiben will. Sein vorgelegtes Manuskript wurde allerdings vom Verlag abgelehnt. Er selbst mochte seine Geschichte so gerne, dass er sie trotzdem veröffentlichen wollte. Die Figuren Mikael Blomquist und Lisbeth Salander durfte er natürlich nicht verwenden und schuf daher deren Gegenstücke, die ihnen sehr ähneln, aber schon alleine aufgrund ihres Geschlechts konträr sind. Durch viele kleine Anspielungen wird dieser Thriller so zu einer Abrechnung mit dem Literaturbetrieb.
Refugium hat mich noch nicht komplett überzeugt, da es doch einige Längen aufweist. Der Cliffhanger wird aber dafür sorgen, dass ich auch den zweiten Band lesen werde. Denn wie gesagt: es steckt Potential drin.
Lindqvist weiß wie Spannung funktioniert, er wird nicht ohne Grund als Stephen King des Nordens bezeichnet.
Und noch ein Lob für den Schutzumschlag, der einen dünnen, leicht geschälten Birkenstamm zeigt, der sich fast genauso anfühlt wie ein echter Baum.
In Kürze
Titel: Refugium
Autor: John Ajvide Lindquist
Verlag: dtv
Erschienen: 2023
Preis: 24 Euro