Buchtipp: Die unsichtbare Hand (Julie Clark)

Wir können heute ein kleines Jubiläum feiern. Das ist das 150. Buch, das ich in meinem Blog vorstelle. Danke, dass ihr mir die Treue haltet und euch für das interessiert, was ich zu sagen haben.

Jetzt aber zu Julie Clarks neuestem Buch, das mich direkt auf den ersten Seiten schon in seinen Bann gezogen hat.

Darum geht es

Olivia Dumont arbeitet als Ghostwriterin. Nachdem sie sich bei einer Podiumsdiskussion unpassend geäußert hat, bleiben allerdings die Aufträge aus und sie steht kurz davor, ihr Haus zu verlieren. In dieser Situation ist sie auf jeden Job angewiesen und stimmt deshalb zu, die Biografie des Bestsellerautors Vincent Taylor zu schreiben. Was außer dem beiden niemand weiß: Sie sind Vater und Tochter, haben aber seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr.

Vincent Taylor ist an Demenz erkrankt und hat nicht mehr viel Zeit, seine Erinnerungen zu Papier zu bringen. Es gibt ein schwieriges Wiedersehen zwischen ihm und Olivia und die Notizen, die er ihr übergibt, sind lückenhaft und verwirrend.

Die Biografie wird im ganzen Land mit Spannung erwartet, denn Vincent stand als Kind im Mittelpunkt eines spektakulären Verbrechens. Mitte der 1970er Jahre wurden seine beiden Geschwister im Elternhaus getötet und schnell fiel der Verdacht auf ihn. Fünfzig Jahre später, möchte er aufklären, was damals wirklich passiert ist, aber Olivia kann sich nicht darauf verlassen, dass er die Wahrheit sagt oder sich korrekt erinnert. Deshalb beginnt sie – entgegen der vertraglichen Vereinbarung – selbst in der Vergangenheit zu wühlen. Sie spricht mit Zeitzeugen, geht in Archive und findet schließlich sogar ein Geheimversteck ihrer Tante mit Filmaufnahmen, die zeigen könnten, was damals wirklich passiert ist. Dabei merkt sie immer deutlicher, was das Verbrechen und der Verlust von Tante und Onkel in ihrem eigenen Leben für eine Lücke hinterlassen hat, obwohl sie beide nie kennengelernt hat und das mehr hinter der Tat steckt, als alle glaubten.

Meine Meinung

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich von diesem Buch nicht allzu viel erwartet. Ja, der Klappentext klang interessant, aber nicht so aufregend, dass ich komplett neugierig auf die Geschichte geworden bin. Umso erfreuter war ich, als ich schon nach einigen Seiten das Gefühl hatte: Das hier kann richtig gut werden.

Wir haben es mit zwei Zeitebenen zu tun. 2024 trifft sich Olivia mit ihrem Vater. Beide haben sich mehr als 20 Jahre nicht gesehen. Er hatte sie schon als kleines Mädchen in ein Internat gesteckt und den Kontakt auf flüchtige Begebenheiten beschränkt. Das hat sie so sehr belastet, dass sie irgendwann den Kontakt abgebrochen hat, ausgewandert ist und bei ihrer Hochzeit den Namen ihres Mannes angenommen hat. Sie dachte, so würde ihr Vater sie nicht mehr finden können. In Wahrheit hat er ihr Leben all die Jahre aus der Ferne beobachtet und ihre Schriftstellerkarriere verfolgt. Die Begegnung ist schwierig, Olivia will eigentlich keinen Kontakt, ist aber auf das Geld angewiesen. Nach und nach nähern sich die beiden an, was aber äußerst schwierig ist. Dieser Teil ist gut geschrieben, nachvollziehbar und durchaus spannend, wenn Olivia bei ihren Recherchen immer tiefer in die Familiengeschichte eintaucht.

Noch deutlich besser hat mir aber die zweite Zeitebene gefallen, die 1975 spielt. Poppy ist damals 14, ihr Bruder Danny 17. Beide wurden am Abend eines großen Festes ermordet zu Hause aufgefunden. Gerüchte gab es viele, zum Beispiel, dass Danny Poppy ermordet hat, von Vincent überrascht und getötet wurde. Oder das Vincent beide auf dem Gewissen hat oder dass ein Fremder, bei dem Poppy als Anhalterin mitgefahren ist, zurückkam und die Jugendlichen ermordete. Nichts davon konnte bestätigt werden, niemand wurde angeklagt. Vincent galt aber seither in der Öffentlichkeit als möglicher Mörder.

Beide Zeitebenen wechseln sich ab und greifen eng ineinander, wenn Olivia zum Beispiel alte Filmaufnahmen findet, die viel über das Zusammenleben der Familie verraten. Wir lernen Poppy als lebenslustig, neugierig und, für die damalige Zeit, sehr emanzipiert kennen, während Danny als eher unglücklicher junger Mann erscheint, den etwas aus der Bahn geworfen hat.

Es gibt viele Facetten, über die Tat, aber auch über Familiengeheimnisse, die nach und nach ans Licht kommen. Mir hat es großes Vergnügen bereitet, dieses Buch zu lesen.

In Kürze

Titel: Die unsichtbare Hand

Autorin: Julie Clark

Verlag: Heyne

Erschienen: 2025

Preis: 16 Euro

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