In den letzten Jahren habe ich so viele Klappentexte gelesen, die ungefähr so gingen: „Nach dem Tod von A findet B ein Manuskript/Dokument/geheimes Zimmer…..Diese Liste ließe sich noch eine Weile fortsetzen. Meistens lege ich das Buch dann wieder weg. Warum ich es in diesem Fall nicht getan habe, weiß ich gar nicht so genau – ich glaube, es war der Titel, der mich angesprochen hat. Auf jeden Fall bin ich sehr froh, dass ich es gelesen habe.
Darum geht’s
Wir befinden uns in einem Dorf in Brandenburg, an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Ich-Erzählerin Hanna, die mit ihrer Familie dort auf einem Bauernhof lebt. Als Hitler an die Macht kommt, geht sie noch nicht zur Schule, als der zweite Weltkrieg endet, ist sie gerade 13 Jahre alt geworden.
In der Abgeschiedenheit des Dorfes bekommt man die Ereignisse des Krieges nur am Rande mit. Es fällt nur eine Bombe, es taucht ein einzelner flüchtender Kriegsgefangener auf, hungern muss niemand und dennoch zeigt der Mikrokosmos dieser Familie en Detail die Auswirkungen und Grausamkeiten. Die Familie ist katholisch und vor etwa 15 Jahren in die Gegend gezogen, weil hier nach dem Tod eines Gutsbesitzer Land gekauft werden konnte. Der Glaube hält sie in der ganzen Zeit aufrecht. Alle stehen dem nationalsozialistischen Gedankengut kritisch gegenüber. Bis auf Hannas älteren Bruder Alfons, der ein glühender Anhänger Hitlers wird, freiwillig in die HJ eintritt und sich für Kriegseinsätze meldet, obwohl er noch viel zu jung ist. Der Brutalität und dem Blutvergießen ist er allerdings nicht gewachsen und desertiert schließlich, zumindest für einen Tag. Oder Hannas Schwester Rosa, die mit einer Gaumenspalte geboren wird und kaum spricht. Von Geburt an droht die Gefahr der Euthanasie, denn ihre Behinderung entspricht dem arischen Weltbild überhaupt nicht.
Die Familie, zu der neben Hanna und den Eltern, der Großvater, drei Brüder und die kleine Rosa gehören, nehmen die Kampfhandlungen vor allem über das Radio wahr. Das wird immer wichtiger als die älteren Söhne zum Arbeits- und Kriegsdienst herangezogen werden. Hanna geht währenddessen weiter zur Schule, erlebt aber auch hier die Auswirkungen des Krieges. Die guten Lehrer werden durch Nazis oder kriegsversehrte Hitleranhänger ersetzt, der Unterricht findet immer seltener statt und gleicht einer Gehirnwäsche. Hanna gönnt sich kleine Fluchten mit ihrem besten Freund Martin, den sie eigentlich nicht treffen darf. Sein Vater ist ein ranghoher Nationalsozialist und will mit den „Katholen“ nichts zu tun haben. Wir begleiten Hanna also beim Großwerden bis der Krieg vorbei ist und die Russen das Dort einnehmen. Die Familie muss den Hof verlassen und flüchten.
Meine Meinung
Trotz meiner anfänglichen Skepsis habe ich dieses Buch geliebt. Auf den fast 600 Seiten bleibt genug Zeit, alle Figuren liebevoll auszuerzählen. Die ganze Familie ist unglaublich sympathisch und man leidet tatsächlich mit, wenn ihr Unrecht widerfährt.
Ich mochte das leise Erzählen. Es sind die kleinen Dinge, die hier eine große Wirkung entfalten. Den Großvater fand ich ganz toll. Ein Mann mit wenig Bildung, aber einer wunderbaren Lebensklugheit, der tolle Ratschläge geben konnte und im Kleinen versuchte, gegen Hitler zu meutern.
Ich habe mich lange gefragt, wozu es die Rahmenhandlung braucht. Hanna, inzwischen eine ältere Frau, liegt im Sterben. Ihre Tochter reist an, um sie auf dem letzten Weg zu begleiten und findet ein Buch, dass ihre Mutter geschrieben hat. Es ist die Geschichte, die wir in diesem Buch lesen. Im letzten Kapitel habe ich dann den Sinn des Rahmens verstanden und war sehr emotional berührt.
Fazit: Lohnt sich „Vergiss nicht zu tanzen, Hanna“?
Ja – für alle, die Familiengeschichten mögen. Es ist kein Kriegsbuch, sondern eine Erzählung, die zeigt, wie viel man erreichen und was man überstehen kann, wenn alle zusammenhalten. Sehr warmherzig erzählt.
In Kürze
Titel: Vergiss nicht zu tanzen, Hanna
Autorin: Mareike Busch
Genre: Roman. Familiengeschichte
Verlag: Atlantik
Erschienen: 2026
Preis 26€