Wenn ihr deutsche Filme und Serien mögt, habt Ihr Caroline Peters sicherlich schon gesehen. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Sie hat sechs Jahre lang eine Hauptrolle in „Mord mit Aussicht“ gespielt und war Teil des Casts von „Der Vorname“. Im Herbst 2024 hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht, der jetzt als Taschenbuch erschienen ist.
Darum geht’s
Der Roman beginnt mit der Beerdigung des Vaters der namenlosen Ich-Erzählerin. Während die Familie Abschied nimmt, rückt eine andere Person immer stärker in den Mittelpunkt ihrer Gedanken: die Mutter Hanna.
Hanna ist keine gewöhnliche Mutter. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin lebt nach ihren eigenen Regeln, interessiert sich mehr für Bücher und Sprache als für Haushaltsführung und gesellschaftliche Erwartungen. Sie heiratet im Laufe ihres Lebens drei Männer aus ihrem Freundeskreis und bekommt von jedem eine Tochter. Trotz dieser ungewöhnlichen Familienkonstellation wachsen alle eng verbunden auf.
Ausgehend von den Erinnerungen der Erzählerin entfaltet sich nach und nach Hannas Lebensgeschichte. Dabei geht es nicht nur um die Stationen ihres Lebens, sondern auch um die Frage, wie Erinnerungen entstehen und wie unterschiedlich Menschen dieselben Ereignisse wahrnehmen. Die drei Schwestern erinnern sich oft völlig verschieden an ihre Kindheit. Wer hat recht? Gibt es überhaupt eine objektive Wahrheit innerhalb einer Familie?
Je tiefer die Erzählerin in die Vergangenheit eintaucht, desto besser versteht sie die Sehnsüchte und Enttäuschungen ihrer Mutter. Hanna kämpft darum, sich Freiräume zu schaffen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen – in einer Zeit, in der die Erwartungen an Frauen oft noch sehr eng gesteckt sind. Erst Jahre später erkennt die Tochter, wie viel Mut hinter den Entscheidungen ihrer Mutter steckte.
Meine Meinung
Dieses Buch entwickelt seine Wirkung durch seine Zwischentöne. Mit viel Wärme, Humor und kluger Beobachtungsgabe erzählt Caroline Peters von Familie, Erinnerung und dem Versuch, einen Menschen nach dessen Tod besser zu verstehen. Mich hat besonders berührt, wie fein Peters die Widersprüche ihrer Figuren zeichnet und dabei eine Geschichte schafft, die zugleich sehr persönlich und erstaunlich universell wirkt.
Gut gefallen hat mir die liebevolle und zugleich ehrliche Darstellung der Mutterfigur, sie ist vielschichtig mit Ecken, Kanten und großen Sehnsüchten. Der Roman lebt von seinen klugen Beobachtungen und seinem feinen Humor. Manchmal war ich gleichzeitig berührt und belustigt. Besonders gelungen finde ich das zentrale Thema des Erinnerns. Der Roman zeigt eindrucksvoll, wie unterschiedlich Menschen dieselben Ereignisse wahrnehmen und wie sich die Sicht auf die Eltern im Laufe des Lebens verändert. Was in der Kindheit selbstverständlich oder sogar störend erscheint, bekommt aus der Perspektive des Erwachsenen plötzlich eine ganz neue Bedeutung.
Sprachlich hat mich das Buch durch seine Leichtigkeit überzeugt. Trotz verschiedener Zeitebenen und einer komplexen Familienstruktur, lässt es sich einfach „weglesen“.
Fazit – Lohnt sich „Ein anderes Leben“?
Ein anderes Leben ist mehr als eine Familiengeschichte. Caroline Peters erzählt von Müttern und Töchtern, von Freiheit und gesellschaftlichen Erwartungen, von Schuld, Liebe und Versöhnung. Vor allem aber schreibt sie über die Frage, wie wir die Menschen verstehen können, die uns geprägt haben.
Wer kluge Familienromane mit starken Frauenfiguren, feinem Humor und emotionaler Tiefe schätzt, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Ein warmherziges und gelungenes Debüt.
In Kürze
Titel: Ein anderes Leben
Autorin: Caroline Peters
Genre: Roman, Familiengeschichte
Verlag: rororo
Erschienen: 2024, Taschenbuchausgabe 2026
Preis: 14€