Obwohl Veronika Peters seit fast 20 Jahren alle zwei bis drei Jahre ein neues Buch veröffentlicht, hatte ich bisher noch nichts von ihr gelesen. Nach dieser Lektüre habe ich mir aber direkt zwei ihrer älteren Bücher bestellt, weil sie mich neugierig macht.
Darum geht’s
Alma Grün ist um die 60 und muss sich komplett neu aufstellen. Als Autorin läuft es seit längerem nicht rund und ihr Mann, mit dem sie über 30 Jahre zusammen war, ist ausgezogen, um mit einer Kollegin zu leben, mit der er bereits seit Jahren heimlich ein Verhältnis hat. Jetzt steht Alma in ihrer sehr großen Altbauwohnung in Berlin, einsam, sauer und ohne Kohle.
Auch wenn sie in den vergangenen Jahren mehr um sich selbst als um andere gekreist ist (und dadurch zum Beispiel den Kontakt zu ihren Töchtern verloren hat), ist sich Alma nicht zu schade, ihr Leben umzukrempeln. Zufällig trifft sie ihre frühere Putzfrau wieder, die inzwischen eine Pension betreibt und fängt dort als Zimmermädchen an. Außerdem übernimmt sie einen Rechercheauftrag für eine junge Autorin und lässt den Bruder ihrer Agentin als Untermieter einziehen. Diese drei Entscheidungen sind aus der finanziellen Not geboren, erweisen sich aber als großer Glücksgriff, denn sie helfen Alma dabei, sich selbst wieder zu finden und ihr Leben in die Hand zu nehmen.
Meine Meinung
Bücher á la „ältere Frau steht vor den Trümmern ihres Lebens und muss neu anfangen“ gibt es inzwischen viele. Veronika Peters erzählt die Geschichte von Alma Grün auf eine sehr liebenswürdige und unterhaltsame Art, ohne, dass dieses Buch platt wirkt. Es sind viele kluge Gedanken dabei und man begleitet Alma gerne, weil es sehr sympathisch ist, dass sie zupackt und unangenehme Aufgaben übernimmt, auch wenn sie ihr keinen Spaß machen oder sogar eklig sind. Sie ergibt sich zeitweise in ihr Schicksal und lässt Dinge einfach geschehen, hat dann aber auch wieder engagierte Momente, in denen sie eine aktive Rolle spielt. Diese Ambivalenz ist sicherlich typisch für Menschen, die ihr Leben anders geplant hatten, eigentlich wussten, wie die nächsten Jahrzehnte aussehen werden und dann feststellen, dass ihr Plan nicht aufgeht. Man muss erstmal hineinfinden in die Veränderung und sich mit all den widersprüchlichen Gefühlen arrangieren.
Veronika Peters hat es außerdem geschafft, mich auf ein literaturwissenschaftliches Thema neugierig zu machen. Bei ihrem Rechercheauftrag beschäftigt Alma sich mit Claire Goll und versucht sich dem Leben dieser widersprüchlichen Dichterin zu nähern, die den größten Teil ihres Lebens einem Mann gewidmet hat, der sie verlassen hat. Hier kann sich Alma am Themenbereich Verlassenwerden abarbeiten und dabei, von sich selbst unbemerkt, auch ihre eigene Situation reflektieren. Ich hatte zuvor nichts von Claire Goll gehört und fand die Andeutungen, dass diese etwas mit dem Tod von Paul Celan zu tun haben könnte, so interessant, dass ich gleich angefangen habe, mich tiefer einzulesen. Ich finde es immer sehr spannend, mehr über einen – von mir bisher unentdeckten – Skandal im Literaturbetrieb zu erfahren.
Fazit – Lohnt sich „Mehr Leben als geplant“?
Wer Geschichten rund um Freundschaft, Abschied und Neuanfang mag, wird diese Buch gerne lesen. Mir kam es wie ein Familienroman vor, auch wenn der Großteil des Personals nicht wirklich miteinander verwandt ist. Schön fand ich auch, dass Männer in diesem Buch eher im Hintergrund bleiben und die Frauen die Geschichte alleine tragen können. Die rühmliche Ausnahme ist hier der neue Mitbewohner, der trotz seiner Eigenheiten, eine Bereicherung ist.
In Kürze
Titel: Mehr Leben als geplant
Autorin: Veronika Peters
Genre: Roman
Erschienen: 2026
Verlag: Rowohlt Kindler
Preis: 24€