Christopher Isherwood: Begegnung am Fluss

Das ist ein richtiger Schatz, den uns Hoffmann&Campe hier präsentiert. Der Roman ist bereits 1967 erschienen und kommt 2022 in ganz frischer Übersetzung auf den Markt. Für die damalige Zeit war es sicherlich ein fast schon revolutionäres Buch, auch heute können wir noch einiges davon mitnehmen.

Zwei ungleiche Brüder

Es ist die Geschichte zweier Brüder, die in der englischen Oberschicht aufgewachsen sind und kaum unterschiedlicher sein könnten. Patrick ist vermutlich Ende 30, verheiratet, zwei Kinder. Er arbeitet als Verleger und steigt gerade ins Filmgeschäft ein. Bei den Vorbereitungen eines Drehs in Hollywood lernt er den jungen Tom kennen und beide beginnen eine heiße Affäre. Oliver ist Mitte 30 und hat seine erfolgversprechende Karriere im Bankwesen hingeschmissen, um eine sinnvolle Arbeit zu tun. Er hat für das rote Kreuz gearbeitet und für eine Mission, bevor er in München einen buddhistischen Mönch kennengelernt hat und dessen Anhänger wurde. Inzwischen sind einige Jahre vergangen und Oliver möchte selbst ins Kloster eintreten. Er hält sich in Indien auf und seine letzten Prüfungen und Rituale stehen bevor. Beide Brüder haben sich sechs Jahre nicht gesehen, auf einem Zwischenstopp nach Singapur macht Patrick halt im Kloster, um seinen Bruder zu besuchen.

Eine besondere Erzählform

Wie lange der Besuch dauert, wird nicht ganz klar, es sind auf jeden Fall einige Wochen. Die Begegnungen der Brüder erfahren wir dabei immer nur aus zweiter Hand. Entweder über Briefe, die Patrick an Mutter, Ehefrau oder Geliebten schreibt oder aus Olivers Tagebuchaufzeichnungen. Dabei ist es besonders interessant, wie unterschiedlich ein Gespräch auf die beteiligten Menschen wirken kann, was man sich gegenseitig übelnimmt oder für wie schlau man sich selbst dabei hält. Durch diese Erzählform erfahren wir wahrscheinlich mehr, als wenn es sich um einen klassischen Roman handeln würde.

Rivalität unter Geschwistern

In anderen Rezensionen habe ich gelesen, dass beide Brüder große Rivalen sind. Das würde ich so nicht teilen. Sie sind sehr unterschiedlich, haben sich über die Jahre aus den Augen verloren und können die Lebensweise des anderen nicht ganz nachvollziehen. Rivalität sehe ich hier nicht. Die Gespräche am Fluss sind ihnen unangenehm, weil sie das Gefühl haben, dass sie beweisen müssen, dass ihre Art zu leben die richtige ist. Sie halten sich gegenseitig einen Spiegel vor, was zur Folge hat, dass sie ihre eigenen Entscheidungen überdenken. Oliver zweifelt auf den letzten Metern daran, ob es richtig ist, Mönch zu werden, wenn sein Bruder schlechte Gefühle wie Wut und Hass in ihm hervorrufen kann. Patrick, der seinem Liebhaber die große Liebe geschworen hat, beendet die Beziehung und kehrt zu seiner Frau zurück.

Meine Meinung

Ein verheirateter Mann, der nebenbei homosexuelle Affären hat, hat in den 1960er Jahren sicherlich noch für Aufregung gesorgt. Heute vermutlich kaum noch. Trotzdem lässt das Buch sehr gut nachvollziehen, was in Patrick vorgegangen ist. Er möchte zwar über die heimliche Beziehung reden, aber nur im geschützten Raum und erwartet dann auch Zustimmung oder Absolution. Er ist ein begnadeter Manipulator, lässt jeden das hören, was gerade passt, verbiegt die Wahrheit, so dass sie für ihn von Vorteil ist.

Der Buddhismus war damals wahrscheinlich für die meisten Menschen noch sehr exotisch und ungewöhnlich. Ein Engländer, der in ein buddhistisches Kloster eintritt, vermutlich nahezu undenkbar. Heute fehlt auch hier die Dramatik, da Meditation und Achtsamkeit bereits im europäischen Leben angekommen sind und der Buddhismus daher nicht mehr ganz so fremd wirkt wie vor mehr als 50 Jahren.

Trotzdem machen beide Themen auch heute noch Sinn. Die nacherzählten Gespräche haben durchaus philosophischen Charakter, man erfährt viel über das Klosterleben und das Leben in Indien aus dem Blickwinkel des vergangenen Jahrhunderts und wer möchte wird auch dazu angeregt, über sein eigenes Leben und dessen Sinn nachzudenken. Wenn man diese Aspekte weglässt, hat man eine ungewöhnliche Familiengeschichte, die ebenfalls das Lesen wert ist.

Mir hat die Ruhe, die dieses Buch ausstrahlt, sehr gut gefallen. Auch wenn man im Kloster kaum zur Ruhe kommt, weil sich dort viele Menschen aufhalten, hatte ich das Gefühl, an einem stillen Ort angekommen zu sein. Es sind nur etwas über 200 Seiten, aber in diesem Band ist alles Wichtige auf den Punkt gebracht, da fehlt gar nichts.

In Kürze

Titel: Begegnung am Fluss

Autor: Christopher Isherwood

Verlag: Hoffmann und Campe

Erschienen: 2022

Preis: 25 Euro

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