Arttu Tuominen: Was wir verbergen

Wenn es draußen kalt und ungemütlich wird, ist es wieder die richtige Zeit für Krimis aus dem Norden Europas. Mit diesem Buch verschlägt es uns nach Finnland, genauer gesagt nach Pori, die zehntgrößte Stadt des Landes. Beschaulich mit Jazzfestival, kleinen bunten Holzhäusern, einem schönen Park und direkt am Fluss gelegen. So idyllisch geht es in diesem Kriminalroman allerdings nicht zu.

Die Geschichte

Henrik Oksman arbeitet bei der Kripo und ist dort nicht besonders beliebt. Fachlich wird er geschätzt, aber da er sehr zurückhaltend ist und einige Marotten hat, besteht keine enge Beziehung zu den Kollegen. Dass Oksman auf Distanz geht, liegt vermutlich an seiner Transsexualität, die er vor allen geheim hält. Auch sich selbst gegenüber kann er kaum dazu stehen. Ab und zu zieht er Frauenkleidung an und besucht einen queeren Nachtklub. Diesmal lernt er dort einen attraktiven Mann kennen und verbringt die Nacht mit ihm in einem nahegelegenen Hotel. Während die beiden Spaß miteinander haben, gibt es im Nachtklub eine Explosion, bei der mehrere Menschen getötet werden. Zu dem Anschlag bekennt sich anonym ein Mann, der seinen Hass auf Schwule sehr deutlich macht und weitere Taten ankündigt. Bei den Ermittlungen werden auch Bilder der Überwachungskameras ausgewertet und eine Frau in rot gerät schnell in den Fokus der Ermittlungen. Dahinter steckt Oksman, der in einen Zwiespalt gerät: soll er sich outen oder riskieren, die Untersuchungen zu behindern?

Neben dieser sehr persönlichen Seite der Geschichte, nehmen natürlich auch die Ermittlungen zum Anschlag großen Raum ein. Eine Nazi-Organisation spielt eine Rolle, ein Pfarrer, der eine Rede für Freiheit und Toleranz hält, bringt sich in Lebensgefahr und dann verschwinden auch noch Vater und Sohn, die Zeitschriften für die Zeugen Jehovas verteilen wollten. Auf den ersten Blick alles getrennte Fälle, bei näherem Hinsehen jedoch nicht mehr. 

Die Ermittler

Ich habe mich zunächst etwas schwer getan mit den zahlreichen Ermittlern und den finnischen Namen, aber da die meisten von ihnen eher eine Randfigur sind, ging es dann doch irgendwann ganz gut. Im Fokus der Ermittlungen stehen zwei Kollegen. Henrik Oksman, dessen persönliche Empfindungen eine große Rolle spielen, ist der eine. Durchtrainiert, zwanghaft auf Hygiene bedacht und nur in der Lage originalverpackte, zubereitete Lebensmittel zu essen. Sein familiäres Umfeld ist eine Katastrophe, hier spielt vor allem der gewalttätige Vater eine immernoch übermächtige Rolle, aus der sich der erwachsene Mann bisher nicht befreien konnte. Ihm zur Seite steht Jari Polaviita, Vater von zwei Töchtern, dessen Ehe in der Krise ist, da sich das Ehepaar beim Hausbau finanziell übernommen hat und bei den Schwiegereltern in der Kreide steht. Er gibt sich alle Mühe ein aufmerksamer Vater und Ehemann zu sein, aber sobald der Job ruft, sind die guten Vorsätze vergessen.

Zwischen beiden langjährigen Partnern kriselt es, seit Oksmann vermutet, dass Polaviita für einen Freund ein Beweisstück verschwinden ließ. Eine gute Kombination, wenn man auch sagen muss, dass beide sich in Einsätzen teilweise naiv verhalten und sich damit in Lebensgefahr bringen.

Autor und Reihe

Arttu Tuominen ist mir bisher als Autor noch nicht begegnet. Sehr kurz hintereinander sind jetzt seine ersten beiden Bücher auf deutsch erschienen. Ich bin in diesem Fall mit Band 2 eingestiegen, was aber überhaupt kein Problem war, hätte ich es nicht gewusst, wäre es mir gar nicht aufgefallen. Es gibt bereits einen dritten Band, der aber bisher noch nicht in der Übersetzung vorliegt. Tuominen ist Jahrgang 1981 und lebt mit seiner Familie in der Stadt, über die er schreibt. Die Schriftstellerei ist bisher noch nicht sein Hauptjob, er arbeitet auch noch als Umweltingenieur. Bin mal gespannt, wie lange noch.

Meine Meinung

Erstmal begeistert mich dieses Buch schon von außen. Tolles Cover, sehr schöne Farben und der Seitenschnitt in türkis – wirklich hübsch gemacht. Innen bringt der Krimi jede Menge politischen Zündstoff mit. Die gesamte LGBTQ-Bewegung wird hier vom Täter ins Visier genommen und als krank und gefährlich hingestellt. Gleichzeitig gibt es eine rechte Szene, die ins selbe Horn stößt, während viele der handelnden Personen die Freiheit, so zu sein wie man möchte, als höchstes Gut ansehen. Der Autor bringt die unterschiedlichen Ansichten hier sehr gut übereinander. Er selbst erhebt keinen moralischen Zeigefinger, sondern nutzt seine Figuren geschickt dazu, andere Sichtweisen aufzuzeigen. Dass der ermittelnde Kommissar selbst ein Teil der Community ist, ohne es sein zu wollen, bietet einen guten Gegenentwurf, zumal er als sehr männlich, intelligent und seriös geschildert wird und damit den typischen Klischees entgegensteht. Auch der Pfarrer hat mir hervorragend gefallen, er hält eine richtige Brandrede für ein offenes und freies Leben und macht deutlich, dass die Menschen, die gegen die Freiheit anderer kämpfen, eigentlich nur Angst davor haben, dass etwas Neues ihnen alte Werte und Traditionen wegnimmt – egal ob es sich dabei um Menschen mit einer anderen sexuellen Präferenz oder einer anderen Hautfarbe handelt.

Ein politisches Buch auf der einen Seite, aber auch einfach ein spannender Krimi bis zur letzten Seite. An einer Stelle bleibt allerdings ein negatives Gefühl zurück. Offenbar ist es in Finnland nicht selten, dass Eltern ihre Kinder an düsteren Orten einsperren. Das haben wir zum einen in dieser Geschichte zweimal, aber auch diese Formulierung lässt den Gedanken zu: “Sie hatten schon zu viele Orte dieser Art gesehen, und ihnen war auf den ersten Blick klar, was sie hier vor sich hatten: „eine Zelle, um ungezogene Jungs und Mädchen einzusperren, damit sie über ihr Verhalten nachdenken konnten.“ Ich hoffe, dass dies nicht der Realität entspricht. Davon abgesehen sehr empfehlenswert.

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