Christine Westermann: Die Familien der anderen

Ich nehme die Spannung gleich vorweg: ich schätze Christine Westermann sehr und habe mich deshalb auch darüber gefreut, dass sie ein Buch über Bücher geschrieben hat. Dabei hat sie das Thema Bücher sehr geschickt mit Ihrer Biographie verknüpft. Sie stellt die Bücher vor, mit denen sie Ereignisse in ihrem Leben verbindet und kann so gleichzeitig viel über sich erzählen und Lust auf neuen Lesestoff machen.

Mit der Biographie von Christine Westermann habe ich mich bisher nicht beschäftigt, aber ihre berufliche Karriere über viele Jahre, naja eher schon Jahrzehnte, verfolgt. Von daher kannte ich die beruflichen Stationen, die sie beschreibt, fand es aber umso spannender, dabei hinter die Kulissen schauen zu dürfen. Ich mag die zurückhaltende Art der Autorin dabei sehr gerne. Statt wie viele andere in ihrer Branche auf dicke Hose zu machen und sich besonders toll darzustellen, ist sie fast ehrfürchtig, wenn sie davon erzählt, wie sie beim Literarischen Quartett dabei sein durfte und beschreibt ihre Garderobe so demütig, dass man ihr gleich sagen möchte: “Hey, Du hast es verdient, dort mitzumachen.“ Ich fand es auch spannend, mehr über die Familiengeschichte zu erfahren und habe sehr gelacht, als ich von ihren Erfahrungen bei Lesungen und die bereitgestellte Verpflegung gelesen habe.

Auf der anderen Seite, tut es mir fast ein bisschen leid, dass Christine Westermann oft das Gefühl hat/hatte, dass sie nicht genügt, dass sie nicht genug weiß, intellektuell vielleicht nicht mithalten kann. Für mich war sie beim Literarischen Quartett immer die Sympathischste und ihre Buchtipps waren mir immer deutlich näher als die der anderen. Seit sie nicht mehr dabei ist, habe ich mir keins der vorgestellten Bücher mehr zugelegt. Und nein, man muss nicht Germanistik studiert haben, um Thomas Manns Zauberberg zu lesen. Ehrlich gesagt, bin ich ganz durchs Studium gekommen, ohne etwas von ihm zu lesen. Und gefallen muss einem schon überhaupt nicht, was als Klassiker oder Pflichtlektüre angesehen wird. Bei Büchern gilt für mich dasselbe wie bei Wein: Schmeckt oder schmeckt nicht. Warum ist doch eigentlich völlig egal.

Die Einstellung, nur Bücher vorzustellen, die einem selbst gefallen, habe ich für mich auch schon vor langer Zeit übernommen. Meine Rezensionen hier im Blog sind keine Gefälligkeit, sondern die Bücher haben mir auf die eine oder andere Weise Spaß gemacht, mich gefordert oder mir eine Gänsehaut verpasst. Umso schöner ist es, wenn ich mit meiner völlig subjektiven Sicht auf Bücher, dem einen oder anderen ein schönes Leseerlebnis verschaffen kann. Eins hat Christine Westermann mit diesem Buch geschafft: Ich habe mir direkt eine lange Liste mit ihren Empfehlungen gemacht und die ersten auch schon gekauft. Danke dafür.  

In Kürze:

Titel: Die Familien der anderen

Autorin: Christine Westermann

Verlag: Kiepenheuer und Witsch

Erschienen: 2022

Preis: 23,00 Euro

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