Alice Schwarzer: Mein Leben

Alice Schwarzer hat in diesem Jahr ihren 80. Geburtstag gefeiert. Das hat Kiepenheuer&Witsch zum Anlass genommen, zwei ihrer Bücher in einem Doppelband neu zu veröffentlichen. Es handelt sich dabei um Lebenslauf von 2011 und Lebenswerk von 2020.

Alice Schwarzer & ich

Es gibt wahrscheinlich wenige Frauen in meinem Alter, die nicht irgendwann mal von Alice Schwarzer beeinflusst, inspiriert oder vielleicht auch abgeschreckt wurden. Man kommt an ihr nicht vorbei. Mich hat sie in der Zeit kurz vorm Abitur mit ihren Ideen begeistert. Ich erinnere mich noch daran, Emma-lesend im Klassenraum gesessen zu haben und verbal „für die Sache der Frauen“ zu kämpfen.

Eine spannende Lebensgeschichte

Der Blick auf Alice Schwarzers Job ist für mich seit den 1990er Jahren präsent, viele Kampagnen, die sie angestoßen und Ideen, die sie auf den Weg gebracht hat, habe ich also mitbekommen. Von daher ist der 2. Teil dieses Sammelbandes für mich vor allem ein Erinnern gewesen, nach dem Motto: „Ach ja stimmt, da war mal was.“

Teil 1 fand ich daher deutlich spannender, weil ich über die Familiengeschichte bisher gar nichts wusste. Im Krieg bei den Großeltern in kleinen Verhältnissen aufgewachsen und mit großer Neugier und Gerechtigkeitssinn ausgestattet. Nach der Schule einen Bürojob gelernt, nach Paris aufgebrochen, die große Liebe gefunden, den Journalismus entdeckt und Teil einer neuen Frauenbewegung geworden. Dass, was in Frankreich bereits deutlich weiter entwickelt war, nach Deutschland gebracht und über Jahrzehnte viele Diskussionen angestoßen. Das nur als Kurzfassung. Alice Schwarzer ist Journalistin, das hat natürlich den großen Vorteil, dass sie gut schreibt und es Spaß macht, dieses Buch zu lesen. Ich hatte über weite Strecken das Gefühl, ein Geschichtsbuch in den Händen zu halten – im positiven Sinne, denn diese Biographie spiegelt natürlich sehr viele politische Entwicklungen und Begegnungen wider.

Wer den Namen Alice Schwarzer hört, hat oft gleich „die Emanze“ vor Augen. Dies ist noch einer der freundlicheren Begriffe, mit denen sie im Laufe der Jahre betitelt wurde. Für mich war es sehr interessant zu lesen, wie sie in diese Rolle gerutscht ist. Eigentlich wollte sie als politische Berichterstatterin arbeiten, Frauenthemen fanden nur am Rande statt. Und auch innerhalb der Frauenbewegung wurde sie gar nicht als Anführerin gesehen, sondern oft sogar ausgegrenzt, während sie in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit bisweilen so dargestellt wurde, als sei sie die einzige, die sich für Frauenrechte stark macht. Hier gibt es mal einen anderen Blickwinkel.

Meine Meinung

Wer dieses Buch in die Hand nimmt, bekommt eine ganze Menge Lesestoff mit deutlich über 700 Seiten, vollgepackt mit Erinnerungen an ein erfülltes Leben. Biographie-Liebhaber werden hier voll auf Ihre Kosten kommen. Langweilig wird es definitiv nicht und die Fotos sind toll. Das einzige Problem, was ich beim Lesen hatte: einige Geschichten, Formulierungen und Anekdoten kommen in beiden Büchern vor. Sie sind mit dem Abstand von fast zehn Jahren erschienen, da fällt es vermutlich nicht auf, liest man allerdings beide in diesem Sammelband direkt hintereinander, merkt man es natürlich sofort. Ich habe daher über die eine oder andere Seite hinweggeblättert und bin dort eingestiegen, wo es etwas Neues zu entdecken gab. Mein Fazit: Eine spannende Frau, die deutlich mehr zu bieten hat als das Bild, das sich in der Öffentlichkeit seit Jahrzehnten verfestigt hat.

In Kürze

Titel: Mein Leben. Lebenslauf & Lebenswerk

Autorin: Alice Schwarzer

Verlag: Kiepenheuer&Witsch

Erschienen: 2022

Preis: 28 Euro

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