Buchtipp #22 – Volker Weidermann: Das Duell

Ein Buch über zwei Männer, die mich mein erwachsenes Leseleben lang begleitet haben: Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki. Historisch, biografisch und unglaublich spannend.

Warum mich dieses Buch besonders interessiert

Günter Grass hat in meinem Germanistikstudium viel Zeit und Raum eingenommen. Er war auch Thema meiner mündlichen Prüfung. Meine Professorin hatte ihn persönlich kennengelernt als sie Willy Brandt in den 1960er Jahren im Wahlkampf unterstützte und auch Günter Grass alles daran setzte, den SPD-Mann zum Bundeskanzler zu machen. Nach ihren Erzählungen muss er ein beeindruckender Mann gewesen sein. Über seine Romane gab es in ihren Seminaren kein kritisches Wort, alles war großartig. Deshalb habe ich mich immer ein wenig unzulänglich und unwissend gefühlt, wenn ich eben nicht alles so fantastisch fand. Mit der Blechtrommel habe ich mich z.B. immer schwer getan und auch in den anderen Romanen war vieles für mich zu langatmig, zu verwickelt und hinterließ beim Lesen mehr als nur ein Fragezeichen.

Marcel Reich-Ranicki ist mir zunächst weniger durch seine Bücher und Artikel aufgefallen, sondern vor allem durch das literarische Quartett, dass er von 1988 bis 2001 moderierte. Die ZEIT und die FAZ, für die er schrieb, las in meinem Umfeld niemand. Aber jemanden im Fernsehen zu sehen, der so für ein Buch streiten konnte, der sprachlich so präzise und süffisant sein konnte, hat mich tief beeindruckt. Dass er dabei nicht immer charmant, manchmal auch ungerecht, über das Ziel hinausschoss war für mich dabei eher nebensächlich. Allerdings habe ich mich manchmal gefragt, warum es noch drei andere Teilnehmer an der Literatursendung gab, denn er hätte die Sendung für mich auch alleine tragen können.

Der Autor

Volker Weidermann war Literaturkritiker bei der taz, Redakteur und Feuilletonleiter bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Autor beim Spiegel und im Herbst übernimmt er die Leitung des Feuilletons bei der ZEIT. Der studierte Politologe und Germanist hat mehrere Bücher geschrieben, bei denen er sich geschichtlichen Ereignissen aus der Sicht von Literaturschaffenden nähert. Er hat außerdem mehrere Jahre lang die Neuauflage des literarischen Quartetts moderiert. Aus meiner Sicht konnte er seine Stärken dabei leider nicht ausspielen, genau wie seine Nachfolgerin Thea Dorn. Nur weil man selbst gut schreibt und sich mit Literatur auskennt, heißt das noch nicht, dass man auch eine Sendung moderieren kann. Hier fehlt beiden das Handwerkszeug, dass einen guten Moderator / eine gute Moderatorin ausmacht.  Also eine gute Entscheidung, dass er sich jetzt wieder auf seine „Kernkompetenz“ konzentriert.

Das Duell

Reich-Ranicki und Grass wurden nur wenige Jahre nacheinander geboren, der eine in Polen, der andere in der Freien Stadt Danzig. Obwohl beide aus kleinen Verhältnissen stammten und ähnliche Startbedingungen hatten, entwickelte sich ihr Leben in völlig unterschiedliche Richtungen. Der eine muss sich als Jude vor den Nazis verstecken und verliert seine ganze Familie, der andere kann es als Jugendlicher kaum erwarten, im Krieg zu kämpfen und wird Mitglied der Waffen-SS. Nach dem Krieg begegnen sich beide im Literaturbetrieb der Bundesrepublik regelmäßig, gehören zum Beispiel beide der Gruppe 47 an. Marcel Reich-Ranicki wird der wohl bekannteste Literaturkritiker, Günter Grass mit der Blechtrommel schnell einer der bekanntesten Schriftsteller der jungen Bundesrepublik. Fast alles, was Grass schreibt, wird von Reich-Ranicki rezensiert und das nur selten freundlich. Bis zu ihrem Tod verbindet die beiden Männer eine Art Hassliebe. Gegenseitiger Respekt ist da, aber auch viel Wut und bisweilen wenig Verständnis für den anderen. Volker Weidermann orientiert sich sehr an den historischen Fakten, schreibt aber kein trockenes Geschichtsbuch, sondern ein spannendes Stück Zeitgeschichte. Man erfährt viel über beide, über ihre Leben, ihre Begegnungen, ihre Charaktere. Für mich war es völlig neu, dass sie sich in einem lebenslangen Kampf miteinander befunden und sich so hartnäckig attackiert haben. Ein ganz neuer Einblick und für alle lesenswert, die neue Literaturgeschichte lebendig erfahren wollen.

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