Buchtipp #26 – Roland Kaiser: Sonnenseite

Biographien lese ich selten und Schlager spielen in meinem Leben auch keine Rolle. Der einzige Schlagersänger, den ich mir tatsächlich ab und zu anhöre, ist Roland Kaiser. Das stammt noch aus meiner Kindheit. Bei meiner großen Schwester lief „Flieg mit mir zu den Sternen“ rauf und runter – offenbar hat das ganz unbewusst auf mich abgefärbt. Im vergangenen Jahr habe ich sie auf ein Konzert begleitet. Und egal, ob es die Musik ist, die man normalerweise hört oder nicht: es war eine tolle Show mit einer bombastischen Stimmung. Bei Sonnenseite habe ich also tatsächlich eine Ausnahme gemacht und mir eine Autobiographie vorgenommen.

Nicht nur für Fans

Ich muss ganz deutlich sagen: dieses Buch ist nicht nur etwas für Fans. Diesen wird wahrscheinlich ohnehin nicht so ganz gefallen, dass ihr Idol ein bisschen angeschlagen rüberkommt. Denn so ganz voller Glanz und Glamour, wie man sich das Leben eines Sängers vorstellt ist es nicht. Da gibt es Ecken und Kanten und auch die eine oder andere Beschädigung, die im Laufe eines langen Lebens nicht ausbleibt.

Berliner Geschichte

Zusammen mit Autorin Sabine Eichhorst hat Roland Kaiser versucht, sein Leben in einen geschichtlichen Kontext zu stellen. Berlin ist seine Stadt, dort ist er aufgewachsen, dort ist sein Herz, auch wenn er seit den 1990er Jahren in Münster lebt. Als Kind war er bei Kennedys berühmter „ich bin ein Berliner“-Rede dabei, irgendwo ganz hinten im Getümmel der Menschenmassen. Und auch den Fall der Berliner Mauer hat er hautnah miterlebt. Seine Auftritte in der DDR, seine Rede in Dresden als die Pegida-Demos immer mehr Unterstützer fanden – all das zeigt, den politischen Roland Kaiser, von dessen Existenz viele gar nichts wissen.

Vom Autoverkäufer zum Schlagerstar

Ich fand die Entwicklung hin zum berühmten Sänger, der große Hallen füllt, sehr unterhaltsam. Ursprünglich hat Roland Kaiser, der damals noch Ronald Keiler hieß, einen kaufmännischen Beruf gelernt und als Autoverkäufer gearbeitet. Das 1. Vorsingen bei einer Plattenfirma war eher seiner Großkotzigkeit denn seinem Talent geschuldet. Trotzdem hat er dort überzeugt. Es folgten Jahre des nebenberuflichen Singens, Tingelei durch Diskotheken bis der Durchbruch kam. Die Anekdoten über die Entstehung von „Santa Maria“ oder der eher unerwünschte Erfolg von „Sieben Fässer Wein“ geben dem Buch einen launigen Touch.

Trotzdem gibt es auch genug Ernsthaftes in diesem Buch. Gescheiterte Ehen, Dummheiten im Umgang mit den Medien, zuviel Arbeit und dabei zu wenig Rücksicht auf sich und andere nehmen. Und natürlich seine schwere Erkrankung, die schließlich eine Lungentransplantation erforderlich machte. Lange hat Kaiser die Krankheit COPD nicht ernst genommen, hat weiter auf der Bühne gestanden, während über Alkoholsucht und ähnliches getuschelt wurde. Erst ein Zusammenbruch bei einem Konzert hat ihm gezeigt, dass er dem Tod näher war als dem Leben.

Bilanz ohne Bitterkeit

Ich habe dieses Buch als sehr ehrlich empfunden. Auf keiner Seite hatte ich das Gefühl, dass Roland Kaiser sich als besonders großartig betrachtet. Natürlich hat er eine Menge erreicht und ist auch stolz darauf. Überheblich ist er dabei nicht. Mir hat sich der Eindruck vermittelt, dass er heute sehr bodenständig lebt, sehr reflektiert ist und nicht nur sein eigenes Wohl im Sinn hat. Für viele vermittelt er in diesem Buch sicherlich nicht das Bild des „typischen Schlagersängers“ – falls es den überhaupt gibt.

Mich hat das Buch berührt und gut unterhalten und deshalb empfehle ich es gerne weiter.

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